Merli-Rekord und Steiner-Podium im Schweizer Jura

Europameister Christian Merli zeigte beim Bergrennen St-Ursanne–Les Rangiers mit dem Tagessieg in Rekordzeit seine große Klasse. Angeführt vom Gesamtdritten Marcel Steiner überzeugten auch einige Schweizer im Jura. Die wechselhafte Witterung, verbunden mit mehreren Zwischenfällen, ließen am Samstag nur zwei Trainingsläufe auf nie ganz trockener Strecke im Jura zu. Und nach einem Dutzend Fahrer unterbrach die Rennleitung den ersten Rennlauf am frühen Sonntagmorgen für zwei Stunden. Danach begannen praktisch alle Teilnehmer am 77. Int. Bergrennen St-Ursanne–Les Rangiers bei null, was für die Neulinge und die weniger Geübten eine besondere Herausforderung darstellte. Christian Merli nahm sie an und meisterte sich im Stile eines großen Champions.

Demonstration des Europameisters
Obwohl der Italiener ohne Druck von Simone Faggioli, der hier schon neunmal gewonnen hatte, lockere 25 EM-Punkte für den Tagessieg hätte nach Hause fahren können, unterbot er den Streckenrekord seines Landsmann von 2019 im zweiten Rennlauf um eine Zehntelsekunde. Die neue Rekordmarke auf dem 5180 Meter langen Parcours steht nun bei 1’39,201, was einem unfassbaren Schnitt von 187,98 km/h entspricht – notabene bei einer Dorfdurchfahrt und drei Haarnadelkurven. Christian Merli: «Ich wollte ja nicht einfach den Tagessieg abstauben, sonst hättest du geschrieben, ich hätte es einfach gehabt. Aber nach den gestrigen Verhältnissen war heute alles wieder anders. Ich habe es probiert und es hat geklappt.» In der Addition blieb der erste neue Tagessieger in Les Rangiers seit Marcel Steiner 2010 mit 3’19,739 allerdings über Faggiolis Wert von 2019, was seine Leistung aber keineswegs schmälern soll. Mit total acht Sekunden Rückstand sicherte sich der Tscheche Petr Trinka den zweiten Gesamtrang und den Sieg bei den Sportwagen. 2018 und 2019 hatte er bei den Zweilitern gewonnen. Mit 1’43,513 ist der angehende Vizeeuropameister nun der drittschnellste Mann aller Zeiten hinter Merli und Faggioli.

Steiner gewinnt SM-Wertung mit Schweizer Rekord
Marcel Steiner lieferte dem Osteuropäer ein tolles Duell, das er um weniger als eine Sekunde verlor. Mit 1’44,037 realisierte der Berner seinerseits die schnellste je von einem Schweizer gefahrene Zeit auf diesem Parcours. Das LobArt-Chassis, der Motor (Helftec-Honda-Turbo) und der Fahrer harmonieren von Rennen zu Rennen besser, was für Steiner Motorsport seit Wochen mit viel Feinarbeit verbunden ist.

Auch Robin Faustini so schnell wie noch nie
Mit den 25 Punkten für den Sieg in der Schweizer Wertung übernahm Steiner den zweiten SM-Zwischenrang von Robin Faustini. Der Aargauer zeigte jedoch einmal mehr eine reife Leistung, indem beim ersten Start im Jura mit dem Osella FA30 – der mit Merlis gleichem Modell im Detail nicht zu vergleichen ist – die viertschnellste Einzelzeit (1’45,519) realisierte. Im Gesamtklassement musste sich der 24-Jährige hinter dem Deutschen Alexander Hin in einem von Merli betreuten Osella FA30 und dem Spanier Joseba Iraola Lanzagorta in einem Nova-Sportwagen mit FIA-gedrosseltem 1,7-Liter-Turbomotor geschlagen geben. Iraolas Speed beim ersten Start in der Schweiz war aber beeindruckend. Als Achter hinter Routinier Fausto Bormolini aus Livigno im schnellsten Rennwagen mit freistehenden Rädern (Reynard K02) war auch Joël Volluz durchaus zufrieden, obwohl er in besten Zeiten vor seinem Horrorunfall in Les Grippons mit dem Osella FA30 schon 1’45,26 (2013) gefahren war. Zufrieden mit sich durfte auch Simon Hugentobler sein. Im ersten Rennen seit drei Jahren fuhr Faustinis Papa mit dem 25-jährigen Reynard 97D, den er hier 2017 letztmals pilotierte, so schnell wie noch nie.

Zemp und Grand so schnell wie noch nie
Bei den Zweiliter-Rennwagen siegte Joel Burgermeister im Tatuus F4 Evo vor Philipp Egli, der mit dem in dieser Konfiguration noch nie im Jura bewegten Dallara-EPR-5 den Lokalmatador Roland Bossy (Dallara F312-Spiess) im zweiten Lauf auf Rang 3 verdrängte. Herausragende Leistungen bei den Sportwagen boten neben Steiner auch Michel Zemp (Galerie rechts) und Joël Grand. Zemp musste sich zwar dem Franzosen Fabian Frantz geschlagen geben, so schnell war aber noch kein Schweizer mit einem Zweiliter-Sportwagen. Grand büßte im 380 Kilogramm leichten Osella-Junior mit BMW-Einlitermotor im schnelleren zweiten Lauf nur eine Sekunde auf den Norma-Honda des Berners ein, womit der Walliser einen weiteren Klassenrekord pulverisierte. Der mit identischem Auto ebenfalls überall schnelle Luxemburger Canio Marchione musste zugeben, dass er Grand auch ohne Motoraussetzer nicht bezwungen hätte.

Reto Meisel nach Höllenritt vor Titelgewinn
Eine Klasse für sich war Reto Meisel bei den geschlossenen Fahrzeugen (siehe auch Video oben). Mit einem Höllenritt, wie er den zweiten Rennlauf selbst bezeichnete, fuhr er mit dem Mercedes SLK 340 den vierten Gruppe-E1-Rekord in Folge heraus, der nun bei 1’55,030 steht (bisher Bratschi 1’56,865 im 2019). Da Roger Schnellmann im ersten Lauf mit Antriebsschaden am Mitsubishi ausrollte und Bruno Sawatzki in der Gruppe IS das Feld dem überlegenen Frédéric Neff im Porsche 996 GT2 R überliess, ist Meisel nun an der Tabellenspitze allein auf weiter Flur. Am nächsten Sonntag in Oberhallau reichen dem Garagier aus Leuggern sechs Pünktchen bzw. ein zehner Platz in der E1 zum zweiten Titelgewinn nach 2016, falls Schnellmann in Rekordzeit gewinnen sollte. Wenn nicht, könnte sich Meisel sogar noch zwei Nuller leisten. Zweitschnellster Tourenwagenpilot in der Addition war der furiose Italiener Manuel Dondi im Fiat X 1/9 mit Alfa-Romeo-STW-Motor aus der Gruppe der EM-Fahrzeuge mit Performancefaktor 1. Der nach Lauf 1 führende Österreicher Karl Schagerl hätte im Gegensatz zu Dondi wohl beim ersten Schweizer Auftritt gleich die zwei Minuten geknackt, wenn ihm nach dem Start zu Lauf 2 nicht plötzlich die Elektronik im gut 700 PS starken VW Golf TSFI einen Streich gespielt hätte. Erst nach einem Reset konnte er die Fahrt mit grosser Verspätung fortsetzen und so noch ein paar EM-Punkte retten.

Burri schlägt Bürki
Neue Klassenrekorde fuhren in der Gruppe E1 auch Stephan Burri bei den 1600ern, Sébastien Coquoz bei den Zweilitern und Benoit Farine (Honda CRX) bis 2,5-Liter. Im direkten Duell schlug Burri (untere Galerie Mitte) den grossen Meister Martin Bürki, wobei die beiden leistungsmässig identischen VW Polo unterschiedlich übersetzt waren und Bürki etwa 10 km/h fehlten. Dieser gratulierte aber spontan und neidlos. Derweil realisierte Coquoz die schnellste Zeit eines Opel Kadett auf der seit 2016 um elf Meter verlängerten Strecke. Bei den IS-Zweilitern setzte sich Manuel Santonastaso im BMW 320si durch. Und in der Klasse bis 3,5 Liter feierte Vanessa Zenklusen nach zwei beherzten Fahrten im selbst aufgebauten Subaru Impreza Type R (Galerie rechts) den verdienten Klassensieg über den starken Konkurrenten Dominik von Rotz im Audi A4 Quattro.

Krebs Clio-Sieger mit Glück
In erster Linie mit Glück war hingegen der Sieg von Philipp Krebs im Renault Classic Cup verbunden. In beiden Läufen erlebte er Schreckmomente und wäre wohl von Denis Wolf im Clio III geschlagen worden, wenn dessen Motor im zweiten Heat im Wald nicht plötzlich kurz ausgegangen wäre. So feierte auch Jürg Brunner als Zweiter im Clio II (wie Krebs) sein erstes, unerwartetes Erfolgserlebnis. Dem hinter Michael Schläpfer und vor Stephan Zbinden (beide Clio III) nur noch viertplatzieren Wolf ist der Titel trotzdem kaum mehr zu nehmen.

von Peter Wyss – autosprint.ch

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Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.