Nachruf auf die französische Berg-Legende Christian Debias

Im Alter von 74 Jahren ist mit Christian Debias über die Osterfeiertage einer der ganz Großen des Bergrennsports an den Folgen eines Schlaganfalls während eines Wüstenurlaubs in seiner Geburtsheimat Tunesien verstorben.

Der seit seinem 8. Lebensjahr in Nancy lebende Franzose kam 1968 zum Motorsport und sammelte seine ersten Erfahrungen im Renault 8 Gordini bei vereinzelten regionalen Rallyes und Bergrennen, machte sich dann schnell einen Namen in den R8- und Audi 80-Markenpokalen auf den französischen Rundstrecken, bevor er 1975, ein Jahr nach Didier Pironi und ein Jahr vor dem späteren F1-Weltmeister Alain Prost, den französischen Meistertitel in der Formel Renault errang. Dank seines Fahrtalents, aber auch seiner feinspürigen Abstimmungskenntnisse schien der Weg zu einer großen Karriere auf der Rundstrecke vorgezeichnet, doch wohl nicht zuletzt der schon damals enorme Kostenaufwand belehrte Debias in der anschließenden Saison im Formel Renault-Europapokal eines Besseren.

So wandte er sich dem Bergrennsport zu, den er 1977 regelrecht revolutionierte, indem er als Erster nicht wie bislang üblich einen Formel 2 im mehr oder weniger Originalzustand von der Rundstrecke an den Berg brachte, sondern in Eigenregie ein Formel 3-Fahrzeug (Ralt Rt1) zu einem reinrassigen Bergrenner umbaute, den er dann mit einem BMW-F2-Motor ausrüstete und auf Anhieb in seiner ersten Saison in der französischen Bergmeisterschaft gleich zu zahlreichen Gesamtsiegen und zum Titel fuhr. Sein Beispiel sollte Schule machen und ab sofort wurden die eigens für den Berg umgebauten und/oder entwickelten 2 Liter-Formelwagen zur Messlatte insbesondere in Frankreich, schon damals eine der absoluten Hochburgen dieser Disziplin.

Leider sollte Debias’ Karriere jedoch im Folgejahr einen mächtigen Dämpfer erhalten: beim legendären 24 Stundenrennen in Le Mans verunglückte er am Lenkrad des WM P78 Peugeot Turbo-Sportwagens auf der langen und extrem schnellen Hunaudières-Geraden und sprang nur knapp dem Tod von der Schippe. Ein monatelanger Kampf zurück ins Leben beginnt, und erst 1979 wird er auf einem Martini Mk28 sein vorerst zaghaftes Comeback am Berg feiern, dort wo inzwischen ein regelrechter Rüstungskampf zwischen diversen professionellen Rennteams ausgebrochen ist, den eigentlich er selbst erst durch seine zwei Jahre zuvor gezeigte Herangehensweise entfacht hatte.

1979 im September wird Debias auch erstmals in Bourscheid bei einem Luxemburger Bergrennen an den Start gehen und seinen ersten Gesamtsieg in dem Land feiern, das ihm künftig – nur knapp anderthalb Autostunden von seinem Heimatort Nancy entfernt – als wahres Testgelände für alle erdenklichen technischen Neuheiten und Entwicklungen, auch zum Beispiel im Bereich neuer Reifenmischungen, dienen wird, bevor er diese jeweils in der französischen Bergmeisterschaft zum Einsatz bringen wird. Auch seine jeweils neuen Rennfahrzeuge – den Martini JB42 Mitte der 1980er, einen Martini Mk58B zum folgenden Jahrzehntwechsel (nachdem er den JB42 an den Luxemburger Christian Hauser verkauft hatte), sowie Mitte der 90er den Mk74 wird er in Luxemburg ihrer Feuertaufe unterziehen. So ganz nebenbei sammelt er zwischen 1979 und 2001 rund 60 Gesamtsiege im Grossherzogtum, wobei er auf praktisch allen dortigen Bergrennstrecken wie Lorentzweiler (11 Mal!), Eschdorf (4), Düdelingen, Remerschen, Heisdorf, Holtz, Nommern, Zittig, Wiltz u.v.m. mindestens einmal erfolgreich war. Ein unantastbarer Rekord, der wohl auf ewig bestehen bleiben wird. Doch nur ein einziges Mal – 1998 – wird sich Debias auch als Luxemburger Bergmeister feiern lassen, nachdem der französische Rennkalender zuvor nicht zuletzt auch seiner Sponsoren willen stets seine Priorität genossen hatte. 1998 schrieb er sich übrigens auch in die Siegerliste des Osnabrücker Bergrennens ein, bei dem er den Luxemburger Titel definitiv ins Trockene brachte.

Auf einem Lola T298 des Teams ROC kehrte Debias 1980 nach Le Mans zurück und erreichte auf Platz 18 das Ziel. Für das gleiche Team bestritt er 1981 auf einem spektakulären BMW 320 Gruppe 5-Silhouette seine einzige Bergmeisterschafts-Saison für ein Profiteam, bevor der Eigenbrötler ab dem Folgejahr wieder zu der eigenen, kleinen Privatstruktur zurückkehrte und ab sofort mit allen Mitteln versuchte, den Tenoren, angeführt von Erzrivale und Freund Marcel Tarrès, Siege und Titel streitig zu machen. Doch während Tarrès zwischen 1982 und 93 nicht weniger als 10 Mal die Meisterkrone sicherte, musste sich Debias stets mit den Ehrenplätzen zufriedengeben. Erst 1994 und 95 gelang es ihm schließlich, an seinen Titel von 1977 anzuknüpfen. Doch inzwischen hatte sich nicht nur Daniel Boccard zum ähnlich wie Tarrès fast unschlagbaren Star der französischen Bergszene entwickelt, vor allem aber schien die Ära der Formel 2-Fahrzeuge sich langsam dem Ende zuzuneigen und nach und nach den wesentlich stärkeren und – noch – kostenintensiveren F3000 die Zukunft am französischen Berg zu gehören. Eine Entwicklung, der Christian Debias mit gemischten Gefühlen entgegensah, wobei ihm nicht nur die Leistungsspirale, sondern vor allem auch der personelle Aufwand Sorgen bereitete, er der stets gewohnt war, mit eher minimalem, oft sogar rein familiärem Teamstab zu den Rennen anzureisen. Spätestens nach einem schweren Abflug 2001 mit dem Martini Mk74 Formel 2 beim Schweizer EM-Bergmeisterschaftslauf in St Ursanne in der berüchtigten Hochgeschwindigkeitskurve Grippon stand für den inzwischen 55-Jährigen fest, dass es Zeit wird, dem Trachten nach Gesamtsiegen Ade zu sagen. Künftig wird er eher aus Spaß an der Freud, wenngleich natürlich mit dem nötigen Ehrgeiz, als Gentlemandriver im Porsche nach Siegen in der Gruppe der Serien-Gran-Turismo trachten, bzw. kurzzeitig mit einem spektakulären Opel Astra Silhouette gegen ex-Europameister Françis Dosières (BMW 320 STW) in den Kampf um die Tourenwagen-Gesamtsiege ziehen, doch Unstimmigkeiten betreffs des reglementären Mindestgewichts bereiten diesem Projekt leider ein rasches Ende.

Ende 2008 schließlich verspürt Debias keine wirkliche Lust mehr, eine erneute Rennsaison in Angriff zu nehmen; „Das Fahren macht mir immer noch riesigen Spass, aber auf die weiten Anreisen zu den Rennen hab’ ich keinen Bock mehr!“ So konnte er sich nun noch intensiver seinem neuen Hobby, dem Golfspiel, widmen, das er seit seinem Umzug im Laufe der 90er ins sonnige Südfrankreich nach Isle-sur-la-Sorgue nahe Avignon pflegte. Und halt immer wieder mal ein Abstecher nach Afrika zu einem Geländewagentrip durch die Wüste, um an alte Erinnerungen an seine dreimalige Teilnahme an der Rallye Paris-Dakar anzuknüpfen. Denn ja, Debias war mit Sicherheit einer der ganz Großen des Bergrennsports und fühlte sich dennoch durchaus auch in anderen Motorsportdisziplinen zu Hause. So nahm er Jahre lang im Winter an der Eisrennserie „Trophée Andros“ teil und gewann 1991 zusammen mit Freund und Bergkumpel Marcel Tarrès auf einem BMW M3 das 24 Stunden-Eisrennen von Chamonix. Zusammen mit Gattin Joëlle trieb er auch schon mal den Porsche über Rallye-Wertungsprüfungen. Ja, sogar ein 24 Stunden-Indoor-Kartrennen im Team von seinem Luxemburger Freund Christian Hauser schreckte ihn nicht ab.

Von seinem letzten Wüstentrip wird Christian Debias nun nicht mehr zurückkehren. Mit ihm verlässt uns nicht nur ein motorsportlicher Perfektionist, sondern vor allem auch ein stets zu Scherzen aufgelegter Lebemann, der so manche Siegerehrung und Preisverleihung durch seine regelrechten Slapstickeinlagen prägte. Au revoir, Champion!

Text: Patrick Weber

Über Thomas Bubel 585 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.