Mehr als nur ein Bergrennen – 131 Fahrer beim zweiten Masters dabei

Die noch junge Geschichte des FiA Hill Climb Masters wird am kommenden Wochenende im tschechischen Sternberk eine Fortsetzung finden. Zum zweiten Mal, nach der grandiosen Premiere im luxemburgischen Eschdorf in 2014, werden die besten Bergrennspezialisten Europas bei einem Event vereint sein, doch das ist nicht immer gewährleistet. Die auf 3,3 km verkürzte, fast permanente Bergrennstrecke von Ecce Homo, die ein Stück am Sternberker Stadtrand entlangführt, dürfte den Protagonisten der Berg-Europameisterschaft und vor allem den 30 einheimischen, tschechischen Teilnehmern bestens bekannt sein. Völliges Neuland betreten hingegen erneut die starken Piloten aus Großbritannien oder die erstmals am Masters teilnehmende Abordnung aus Griechenland. Beide Landesmannschaften reisen übrigens mit eigens gecharterten Trucks im Sammeltransport an. Bedauerlicher weise fehlen die noch in Eschdorf durch ihr sympathisches Auftreten aufgefallenen Teams aus Malta und Irland, denen die lange Anreise in den Osten der Tschechischen Republik zu beschwerlich war oder der von der FiA vorgegebene Zweijahresrhythmus aus vielerlei Gründen nicht in die Saisonplanung passt.

Am 8. und 9. Oktober werden sicherlich Bergrennsportfans aller Herren Länder das Wochenende vor ihren PC´s oder Notebooks verbringen, denn wie man hört werden die Läufe zum FiA Hill Climb Masters live im Internet zu verfolgen sein, und das beschränkt sich nicht nur auf den Zeitenmonitor. Acht Kameras werden am Renntag für ein Live-Streaming auf Youtube sorgen und auf die kleine Stadt Sternberk, mit ihren 14.000 Einwohnern gerichtet sein. Dort besitzt der Motorsport eine lange Tradition, wurde doch bereits 1905, also vor 111 Jahren erstmals ein Anlass für Automobile ausgetragen.

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Doch zwei von drei Goldmedailliengewinner aus 2014 werden beim Live-Stream nicht über den Bildschirm flimmern. Der Norma M20 FC mit dem 4-Liter V8-BMW-Triebwerk von Nicolas Schatz, also des Französischen Bergmeisters der letzten Jahre, ist derzeit auf dem Pariser Autosalon ausgestellt und auch der 2014er Kategorie 2-Sieger Eric Berguerand, der erneut die Schweizer Berg-Krone mit seinem Lola Cosworth-E2-SS-Umbau gewinnen konnte, machte keine Anstalten in Richtung Masters. Aus bekannten Gründen (BiD berichtete) wird auch der 2014ner Bronzeträger und U25-Hero David Hauser aus Luxemburg fehlen. Zudem war das vergangene Rennwochenende sehr verlustreich. Die beiden Schweizer Reto Meisel und Marcel Steiner sowie die Deutsche Speerspitze Holger Hovemann mussten ihre geplante Teilnahme am Masters auf Grund von technischen Defekten oder gar Unfällen absagen. Doch wir wollen hier ja nicht nur aufzählen wer alles nicht in der Region Olmüz von der Partie ist, denn es wird sicherlich auch so interessant und spannend werden.

Als Top-Favorit sehen Kenner der Szene vor allem den Italiener Simone Faggioli. Gut, das war auch 2014 so, als sich Faggioli die Butter vom Brot nehmen ließ. Hoch interessant ist vor allem der Kategorien übergreifende Vergleichskampf von Fahrern und Fahrzeugkonzepten die sonst nie außerhalb ihrer Landesgrenzen auf ausländische Konkurrenz treffen. Dies ist vor allem bei den Fahrern von den Britischen Inseln gegeben. Die Performance der größtenteils englischen Stars war schon vor zwei Jahren in Eschdorf erstaunlich. Aber, es geht ja vornehmlich ums Edelmetall und das wird in drei Kategorien vergeben.

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In der Kategorie 1, der Gruppe N, A und GT-Fahrzeugen, wird es zu einer Konfrontation zwischen den diversen Mitsubishi Gruppe N und A einerseits sowie den in der GT-Kategorie eingeteilten Ferrari, Porsche, Lamborghini und Lotus anderseits kommen. Hier hat man von Seiten der Fahrer erkannt, dass man mit einem potenten Grand-Tourismo Boliden außergewöhnlich gute Medaillienchancen besitzt. Der belgische Titelverteidiger Yannick Bodson mit seinem Porsche 997 GT3 Cup wird es daher schwer haben seinen Titel zu verteidigen. Sein französischer „Rennkumpel“ Nicolas Werver (Porsche 997 Cup S) ist beispielsweise einer der Top-Favoriten. Weitere Porsche in dieser „Liga“ steuern der Österreicher „Tessitore“ und der Elsässer Christian Schmitter. Familienoberhaupt Philippe Schmitter pilotiert genauso einen schnittigen Lamborghini Gallardo GT3, wie der Tscheche Martin Jerman. Der Spannung in dieser Gruppe weiter zuträglich sind die beiden Ferraris des schwer einzuschätzenden Italieners Lucio Peruggini (458 Italia GT3) und EM-Routinier Petr Vojacek, der sich für diesen Anlass einen Ferrari 430 GT3 besorgt hat. Anhand des großen GT-Feldes wird es für die Spitzenleute der Gruppe N und A fast unmöglich sein in den Medaillenbereich vorzudringen, denn um das Edelmetall wird in gemeinsamer Wertung gefahren. Reizvoll sind ohne Zweifel auch die Vergleiche um die Klassen- und Gruppensieg. So treffen sich etwa die Italiener und Tschechen regelmäßig bei Läufen zur Bergeuropameisterschaft, die Griechen, Briten, Bulgaren, Rumänen oder Iren hingegen gehen nur selten außerhalb ihrer Landesgrenzen an den Start.

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In der Kategorie 2 der FiA-Homologierten Rennsportfahrzeugen (zweisitzige Rennwagen, Einsitzer und E2-SH Silhouette-Autos) wird die Übermacht der verschworenen italienischen EM-Gemeinde deutlich zu spüren sein. Der neunfache Europameister und 11-malige Italo-Champion Simone Faggioli (Norma M20 FC Zytek V8) ist der Kronfavorit. Nachdem der Italiener 2014 “nur” die silberne Auszeichnung (plus Gold mit der Mannschaft) mit nach Hause nehmen konnte, will er in Šternberk nun endlich seine erste Einzel-Goldmedaille holen. Wie während der gesamten EM-Saison vermochte sich Faggioli vor allem gegen seinen Landsmann Christian Merli meist erfolgreich zur Wehr zu setzen. In der Europameisterschaftsendwertung nur ganz knapp geschlagen, sinnt Merli (Osella FA 30) zweifellos auf Revanche, und man darf sich auf das neuerliche Duell zum Saisonabschluss freuen. Es ist wie im Fußball-Pokal, das “Masters” hat seine eigenen Gesetze, wie das unerwartete Ergebnis vor zwei Jahren gezeigt hat. Faggioli und Merli werden sich also vor Paride Macario (Osella FA 30 Zytek V8), Domenico Cubeda (Osella PA 2000 Honda) und den zahlreichen, in ihrer Heimat stets starken Tschechen wie Miloš Beneš (Osella FA 30 Zytek V8), FiA-Cup Champion Václav Janik und David Komarek (beide Norma M20) in Acht nehmen müssen. Der siebenfache Vize-Meister Frankreichs, Sébastien Petit, wird seine Norma M20 FC nach Šternberk bringen, wenn auch mit einem 3.0-Liter Mugen V8-Motor, denn der etatmäßige BMW 4-Liter V8-Motor, nach dem nationalen CNplus Reglement, bereitete Petit zuletzt viele technische Probleme. Dies bedeutet für Petit den zwangsläufigen Wechsel von der Open-Kategorie 3 zu den FiA-Wagen der Kategorie 2. Aber die Latte an namhaften Top-Piloten lässt sich problemlos weiter fortführen bis hinunter in die Hubraumklasse bis 2000 ccm. Als da wären beispielweise die beiden italienischen EM-Teamkollegen Fausto Bormolini und Renzo Napione (beide Reynard Cosworth F3000), der polnische Meister Robert Stec (Lola B02/50 Zytek F3000), Österreichs Ferdinand Madrian (Norma M20 NME V8) und mehr als ein halbes Duzend Tschechen. Da lohnt es sich die offizielle Starterliste genau zu studieren, denn die Silhouetten-Fahrzeuge der Gruppe E2-SH bringen zudem zahlreiche wunderschöne Boliden an den Start. Erwähnt sei hier vor allem die starken Tschechen Vladimir Vitver (Audi TT DTM V8), Dan Michl (Lotus Evora V8) und Marek Rybnicek im Ford Fiesta Evo 4WD, aber auch der Italiener Fulvio Giuliani (Lancia Delta Evo) und, und, und.

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Die Kategorie 3 ist wieder ein Sammelbecken der unterschiedlichsten nationalen Reglements. Unter der Bezeichnung „Open“ stößt man hier auf die unterschiedlichsten und originellsten Fahrzeuge. Das Angebot reicht vom winzigen Fiat 500 VRC mit Suzuki-Motorradmotor des Belgiers Bart De Saedeleer über den Mercedes SLK340-Judd des Schweizers Reto Meisel (falls der Getriebeschaden von Mickhausen in der Kürze behoben werden kann) oder den mehr als 600 PS starken VW Golf Rallye TFSI-R des aktuellen Bergmeister Österreichers, Karl Schagerl bis zum Norma-Rennsportwagen mit Vierliter-BMW-V8 des Franzosen Cyrille Frantz. Gehen wir doch zuerst weiter auf die E1-Spzialtourenwagen, die zweifellos eine eigene Kategorie samt Medaillensatz von der FiA verdient hätten. Es tummeln sich hier sehr viele Piloten aus Griechenland, Bulgarien, Rumänien oder der Slowakei, die leistungsmäßig schwer einzuschätzen sind. Überraschungen sind also nicht ausgeschlossen. Bei den Buchmachern hoch im Kurs stehen die Österreicher Karl Schagerl und Felix Pailer (Lancia Delta), die Schweizer Romeo Nüssli (Ford Gabat Escort Cosworth), Roger Schnellmann (Mitsubishi Lancer Evo 8) und Frederic Neff (Porsche 996 Cup) oder der Franzose Anthony Dubois im Scora Maxi Renault. Zum erweiterten Kreis der Spitzenfahrer hinzu kommen die Luxemburger Subaru-Treter Nico Schilling (Landesmeister 2015) und Charel Valentiny.

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In Abwesenheit des Gesamtsiegers von 2014, des Franzosen Nicolas Schatz, könnte die Goldmedaille in der Open-Kategorie 3 durchaus an einen Engländer gehen. Diese treten praktisch nie außerhalb ihres Inselreichs an, denn ihre Meisterschaft umfasst nicht weniger als 17 Doppel-Veranstaltungen mit insgesamt 34 Meisterschaftsläufen. In Šternberk werden sie allerdings durch eine sehr schlagkräftige Delegation vertreten, zudem sind ihre Formel-Rennwagen sehr leicht, PS-stark und sehr aufwändig konstruiert, verfügen sie doch beispielsweise über Antriebsschlupfregelung und Motorentechnik aus der Formel 1. Ihr Bannerträger wird Scott Moran (Gould GR61) sein, der schon 151 (!) Siege und sechs Titel (ein Rekord) in der Britischen Berg-Meisterschaft eingefahren hat. Vergleichbar gut gerüstet kommen seine Landsleute Trevor Willis (OMS), Will Hall (Force Nissan) und Wallace Menzies (Gould GR55 B) zusammen mit schnellen Franzosen Cyrille Frantz (Norma M20 FC BMW V8) ebenfalls für eine der Medaillen in Frage.

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Beim Hillclimb Masters werden noch drei Sonderpreise vergeben, nämlich je eine Auszeichnung für die schnellste Dame, für den bestklassieren “U25-Junior” und in der Nationenwertung. Neun Frauen sind eingeschrieben, darunter auch die Preisträgerin von 2014, die Französin Martine Hubert im Norma BMW 3-Liter Sportwagen, die am ehesten auf die polnische Rennamazone Irena Stec (Gloria C8 Yamaha 1000 ccm) achten sollte. Absolut erwähnenswert ist auch die Teilnahme von Deirdre McKinley, der Ehefrau von Simon McKinley, der in einem Rennen zur Irischen Bergmeisterschaft im April 2015 tödlich verunglückte. Deirdre, steuerte 2014 in Eschdorf einem Reynard Formel Opel Lotus und wird als alleinige Starterin die „grüne Insel“ in einem Vauxhall-Nova (Opel Corsa) vertreten. Aus unseren Breitengraden ist zudem die Luxemburgerin Sandra Becker (Alfa Romeo) dabei. Bei den unter 25 Jahre alten Junioren (11 Starter) kommt es zu einem mit Spannung erwarteten, recht waffengleichen Dreikampf des Tschechen Petr Trnka, des Belgier Correntin Stark (beide Norma M20 Honda) und des EM-erfahrenen Italieners Andrea Bormolini (Osella PA 21Evo Honda).

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Die Nationenwertung trug bereits in Eschdorf in besonderem Masse zur weltoffenen und einmaligen Atmosphäre bei. Für diesen Wettbewerb haben sich 14 Länder (zwei mehr als 2014) eingeschrieben. Jede Mannschaft besteht aus vier gesetzten Piloten. Dabei zählt die kollektive Leistung mit der geringsten Zeitabweichung aus den drei Rennläufen. So hat im Prinzip jedes Land die Möglichkeit die Goldmedaille zu gewinnen. Aus dem deutschsprachigen Raum treten folgende Teams an: Das Team Deutschland wird gebildet von Thomas Ostermann (BMW E30), Manfred Schulte (Citroen AX Kit Car), Silvio Montalto (Peugeot 106) und eigentlich Holger Hovemann, der aus bekannten Gründen nicht starten kann. Ob jetzt Italo-Schwabe Egidio Pisano (VW Golf) an seine Stellen treten darf, entzieht sich unserer Kenntnis. Der Automobil Club Luxemburg (ACL) hat die Fahrer Nico Schilling, Charel Valentiny, Canio Marchione (VW Scirocco 16V) und Formel 3-Pilot Roland Braquet nominiert. Nach einer personellen Umbesetzung sieht auch bei den Schweizern aus. Nach Sachlage fehlen Meisel und Steiner. Roger Schnellmann und Frederic Neff sind weiter gesetzt, wer dazu stoßen wird ist unklar. Die Österreicher (Madrian, Tessitore, Schagerl und Vize-Europameister Christian Schweiger) scheinen dagegen bestens aufgestellt, richtig heiß zu sein erneut einen Mannschaftsmedaille zu erobern. In Eschdorf war dies Bronze, hinter den Schweizer. „Wer schnell ist, ist auch gleichmäßig“, diese alte Rennsportweisheit macht die Scueria Italia, als Nationen-Cup Verteidiger, in der Besetzung; Faggioli, Merli, Macario, Peruggini, zum Top-Favoriten.

Masters Live-Stream: www.hillclimb.tv
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