Osnabrück: Grandiose Berg-Show

Der Macher des Osnabrücker Bergrennens, Bernd Stegmann, versammelte erneut ein internationales Spitzenfeld an Renn- und Tourenwagen in der Borgloher Schweiz, und vermochte das schon exzellente Starterfeld des Vorjahres erneut zu toppen. An die Rekordbesucherzahlen aus dem Vorjahr kam der MSC Osnabrück zwar nicht ganz heran, aber der Zuschauerzuspruch aus dem gesamten norddeutschen Raum, dem Ruhrgebiet und aus den Niederlanden war großartig und sorgte für eine wundervolle Atmosphäre entlang der 2,03 km langen „Hügelstrecke“. Die glänzende Organisation und ein souveräner Rennleiter, der bekannte VLN und 24h-Pilot Michael Schrey, begeisterten gerade die ausländischen Gastfahrer, die sich dann auch bei der letzten Rückführung per „Abklatscher“ aus dem Rennkockpit heraus, bei den MSC-Organisatoren bedankten.

Zum ersten Mal gelang es Stegmann und Co den aktuellen EM-Zweiten Christian Merli in den deutschen Norden zu holen. Mit seiner Teilnahme in Osnabrück und dem gleichzeitigen Verzicht auf des italienische Bergrennen Reventino, wo Erzrivale Simone Faggioli siegte, ist nun klar das sich der Südtiroler für den Rest der Saison auf die Berg-Europameisterschaft konzentriert und die heimische Meisterschaft wohl abgeschrieben hat. Christian Merli im werksunterstützten Osella FA 30 mit einem englischen PRE-Motor, der aus zwei Motorradmotoren zu einem V8-Triebwerk zusammengesetzt ist, wurde seiner Favoritenrolle gerecht, wenn auch auf den letzten Drücker – aber mit neuen Streckenrekord von 51,232 Sekunden. Der Schweizer Vorjahressieger Joel Volluz (Osella FA 30) bot dem Star aus Italien erstaunlich gut Paroli. Im zweiten Lauf war der junge Walliser sogar, mit der bis dahin zweitschnellsten je am Uphöfer Berg gefahren Zeit,  schneller als Merli. Der Start zum dritten und letzen Lauf verlief für Volluz nicht optimal und damit war der Käse in Sachen Gesamtsieg und Titelverteidigung endgültig gegessen. Einen herausragenden dritten Platz in der Tageswertung erkämpfte sich der Tscheche Vaclav Janik im Norma M20 FC V8, der den Schweizer Champion Eric Berguerand (Lola Cosworth) niederrang. Sich äußerst achtbar aus der Affäre zog sich auf Gesamtrang vier, als bester Deutscher und noch vor dem V8-Vertreter Patrik Zajelsnik (Norma Mugen), der Schweinfurter Uwe Lang im betagten Osella PA 20 S Evo mit dem 6-Zylinder BMW-Triebwerk. Immerhin Platz 7 stellte den Schweizer Routinier Marcel Steiner im neuen LobArt LA01 Mugen V8 nicht zufrieden. Seine Ansprüche liegen doch etwas höher in der Resultatsliste. Geduld und Spucke ist bei Steiner Motorsport weiterhin gefragt. Bemerkenswert ist auch das Comeback des Luxemburgers Guy Demuth mit seinem überarbeiteten G-Force Formula Nippon, den er zuletzt 2010 einsetzte. Den Osella FA 30 aus dem Rollinger-Team pilotierte er zuletzt 2013. In der höchsten Formel-Klasse bis 3 Liter war der Anfang mit Rang sieben gemacht, nachdem in der Nacht zum Renntag eine neue Antriebswelle aus Luxemburg herangeschafft wurde.

Mit einer ungleich stärkeren internationalen Konkurrenz als noch eine Woche zuvor beim FiA-Berg EM-Lauf in Thüringen, musste sich CR-Racingteam Pilot Frank Debruyne befassen. Genau gesagt mit 17 Formel 3, Formel-Renault und Formelfreie Rennwagen bis 2000 ccm Hubraum aus 8 Nationen. Wie vor drei Wochen in Homburg kristallisierte sich der Nordfranzose Anthony Loeuilleux im modernen Tatuus Master Honda als Debruyne´s ärgster Widersacher heraus. Die nicht unbedingt hochanspruchsvolle und schnelle Streckenführung des Uphöfer Bergs sollte, wie schon im Vorjahr, nach drei Rennläufen den Ausschlag zu Gunsten des jungen Mannes aus der Nähe von Lille geben. Frank Debruyne, dessen Dallara F303 Opel Formel 3 wie gewohnt die Farben des Sponsors AST – Abwasser-Sanierungs-Technik präsentierte, lag am Ende mit einem 2,3 Sekunden Rückstand auf Rang 2 dieser 2-Liter Mamutklasse. Außerdem traf Debruyne abermals auf den schnellen Briten Paul Buckingham im Formel 3 Dallara F305/7 Mercedes, mit dem er sich schon in Homburg einen packendes Duell geliefert hatte. Beim nördlichsten Bergrennen Deutschlands war der Leistungsunterschied mit einem Vorsprung von rund sieben Sekunden, zu Gunsten des Badischen CR-Piloten sehr komfortabel. Das geschlagene Feld führte auf Rang vier die Franzose Samy Guth (Dallara F302 Opel) an. Es folgten Guths Landsmann Damien Berney (Tatuus Master), der Schweizer Christoph Weber (Dallara F302/4) und der somit zweitbeste Deutsche in dieser Klasse Georg Lang, der nach einem Motorschaden vor einer Woche mit einem Ersatzmotor vorlieb nehmen musste. Der mit Spannung erwartete Vergleich mit dem aktuell in der Österreichischen Bergmeisterschaft führenden Formel 3-Piloten Andreas Stollnberger, viel sozusagen ins Wasser. Der Niederösterreicher plagte sich erneut Motorproblemen herum und musste nach dem ersten Rennlauf bereits die Segel streichen.

Eine riesen Show generierten auch die zahlreichen Top-Tourenwagen und E2-SH Silhouetten-Fahrzeuge. Bei seinem ersten Auftritt in Deutschland hatte der Schweizer Reto Meisel kein Glück. Mit dem neuen Mercedes SLK 340 Judd V8 rollte der ehemalige Deutsche Bergmeister bereits im ersten Rennlauf ohne Vortrieb aus. Der spektakuläre Bolide, der in der Schweiz in der Gruppe E1 starten darf, wird grundsätzlich auf internationaler Ebene zu den Rennwagen der Gruppe E2-SH eingestuft. Den Gruppensieg staubte somit Holger Hovemann ab, nach einer zeitraubenden Ersatzteilproduktion und dem auslassen der Bergrennen von Homburg und Glasbach.

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Ein klarer Tourenwagengesamtsieg gelang dem Schweizer Mitsubishi-Piloten Ronnie Bratschi, der im Vorjahr an gleicher Stelle noch technikbedingt ausgeschieden war. Das Mann vom Ufer des Vierwaldstättersees ist mit diesem Erfolg der Titel im FiA Hillclimb Cup kaum noch zu nehmen. Bratschi verwies in der Tourenwagen-Division die „VLN-Gäste“ Harry Walkenhorst (BMW Z4) und den Finnen Matias Henkola (BMW M6) in ihren GT3-Boliden auf die Plätze.

Kurz zusammengefasst, siegten die üblichen Verdächtigen in den kleineren Hubraumklassen der Gruppe E1, inklusiv KW Berg-Cup. Jörg Davidovic kam im NSU-Bergpokal zu seinem zweiten Saisonsieg. Jürgen Schneider (VW Polo 16V) war Herr in der Klasse bis 1150 ccm. Bis 1400 ccm sorgte Hansi Eller (VW Scirocco) für einen tristen Rennverlauf, nachdem bereits im Training Nils Abb mit einer gebrochenen Vorderradaufhängung unsanft von einem Reifenstapel bei Posten 7 gestoppt werden musste und Mitfavorit Gerhard Moser den VW Polo 16V schon früh mit Kupplungsschaden eingepackt hatte. In der 1600er Klasse sind derzeit Siege von Stefan Faulhaber (Opel Kadett C 16V) groß in Mode, diesmal aber nur mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,3 Sekunden auf den Citroen-Piloten Manfred Schulte. Die Klasse bis 2-Liter dezimiert sich weiter. Hier wurde das Geschehen vom zweifachen Überschlag des VW Golf-Akteurs Rainer Schönborn überschattet. Der Hunsrücker bleib unverletzt, aber die bildschöne Typ 17 bekam so einiges ab. So musste André Wiebe die Ehre des KW Berg-Cups retten und bleibt mit dem erneuten Klassensieg weiter an der Tabellenspitze der Deutschen Bergmeisterschaft. Mit Rang zwei zeigte der Schweizer Martin Bürki, das er mit dem ex-Rottenberger BMW immer besser zu Recht kommt. Mit Slalom-Ass Lars Heisel (Opel Kadett C 16V) setzte der nächste „Nicht-Berg-Cup´ler“ ein Ausrufezeichen mit Rang 3. Ein weiterer „Nicht-Berg-Cup´ler“ siegte mit Lokalmatador Andreas von der Haar (VW Golf) in der Diesel-Klasse und Markus Wüstefeld steuerte den ex-DTM Mercedes 190 Evo II zum deutlichen Erfolg in der Klasse bis 3000 ccm Hubraum.

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Mit relative schwachen Trainingszeiten ließ der Homburger Kai Neu (Ford Focus ST 170) seine Gegner in der hart umkämpften 2-Liter Klasse der Gruppe F, in gutem Glauben. Doch am Renntag drehte der KfZ-Servicetechniker auf und legte mit der absoluten Klassenbestzeit des Wochenendes im zweiten Lauf den Grundstein zum knappen Erfolg über Ralf Orth (BMW 320 is) und Kevin Veit (BMW E30), der aber auch nur 0,7 Sekunden auf Neu verlor.

Bleibt noch kurz über die beiden 2-Literklassen der Sportwagen zu berichten. Hier waren verwirrenderweise zwei Klassen (CN/C3 und E2-SC) ausgeschrieben. Schnellster beider Klassen war der junge und auch den Insidern unbekannte Nordfranzose Ronnie Le Sausse auf einem Norma M20.

1. Christian Merli (I) Osella FA 30, 2:35,741 min
2. Joel Volluz (CH) Osella FA 30, 2:36,972
3. Vaclav Janik (CZ) Norma M20 FC V8, 2:39,416
4. Eric Bergurend (CH) Lola FA 99 Cosworth, 2:42,662
5. Uwe Lang (D) Osella PA 20 BMW, 2:44,152
6. Patrik Zajelsnik (SLO) Norma M20 Mugen V8, 2:44,628
7. Marcel Steiner (CH) LobArt Mugen V8, 2:45,737
8. Anthony Loeuilleux (F) Tatuus Master Honda, 2:48,250
9. Simon Hugentobler (CH) Reynard Mugen F3000, 2:48,686
10. Frank Debruyne (D) Dallara F303 Opel, 2:50,566
11. Daniel Allais (F) Reynard Judd F3000, 2:50,971
12. Philippe Guelat (CH) Lola Cosworth F3000, 2:52,238

Über Thomas Bubel 301 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.