Interview Christian Merli – Glasbach ist mir auf den Leib geschneidert

Den italienischen Kollegen von „Cronoscalate Che Passione“ bot sich kürzlich die Gelegenheit zu einem ausführlichen Interview mit dem vielfachen Berg-Champion Christian Merli. Man traf sich zu einem Chat mit dem Piloten aus dem italienischen Trentino um über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sprechen. Heraus kam eine 360°-Rundumschau über Christian Merli im privaten, sowie natürlich auch im Rennsport.

CCP: Hallo Christian, vielen Dank, dass Du unsere Interviewanfrage angenommen bist. Fangen wir also mit der ersten Frage an. Wer ist Christian Merli im Rennsport und wer ist Christian Merli im Alltag?
Christian Merli: „Es ist schwer, sich selbst zu beurteilen, es sollten andere tun. Ich habe das Gefühl, dass ich im Rennsport jemand bin, der immer das Maximum hineinsteckt. Im Alltag schätze ich die Normalität, mache banale Unternehmungen und treibe Sport. Aber ich widme mittlerweile viel Zeit dem Rennsport und wenn wir nicht auf Rennen unterwegs sind, arbeiten wir in der Werkstatt, um unser Auto oder die der Kunden zu pflegen.“

CCP: Woher hast Du die Leidenschaft für den Motorsport?
Christian Merli: „Diese Frage hat mir auch mein Vater vor ein paar Jahren gestellt, in der Familie gab es niemanden mit einer Leidenschaft für Motoren. Papa hatte schon immer ein paar Räder, um in die Berge zu fahren, aber mehr auch nicht. Mama, das muss ich sagen, ist im Auto nie langsam gefahren, aber schon als Kind hatte ich diese Leidenschaft, zuerst für Mopeds, dann für Motorschlitten, mit denen ich meine ersten Rennen gefahren bin und dann für Autos. Ich habe die Tage damit verbracht, alles zu zerlegen und wieder zusammenzubauen.“

CCP: Es wird immer schwieriger, ein High-Level-Pilot zu werden, wenn man nicht die richtige Ausrüstung hat. Wenn Du heute einen Nachwuchsfahrer triffst, der am Berg debütieren möchte, was würdest Du empfehlen?
Christian Merli: „Zunächst würde ich ihm sagen, dass es viel Mühe und viel Geduld braucht. Dann würde ich ihm raten, erst einmal mit einem kleinen Tourenwagen eine Meisterschaft zu fahren, das würde ihm erlauben, Erfahrungen zu sammeln.“

CCP: Du bist seit vielen Jahren im Geschäft. Hat sich deine Art die Dinge anzugehen im Laufe der Jahre verändert? Wie bereitet Ihr Euch auf die zahlreichen Rennwochenende vor?
Christian Merli: Bevor wir zu einem neuen Rennen fahren, versuche ich, die Streckenführung an Hand von Onboard-Videoaufnahmen zu lernen und komme meist schon donnerstags an, um die Strecke auswendig zu lernen und zu versuchen, unsere Osella auf das bestens abzustimmen.“

CCP: Was war der schönste Sieg und der größte Fehler, den Du gemacht hast, wo Du vielleicht sogar heute noch sagst, „Das hätte ich anders machen sollen“?
Christian Merli: „Es ist schwierig einen meiner vielen Siege hervorzuheben. Vielleicht einer der schönsten Momente war 2017 beim EM-Rennen am Mont Dore in Frankreich. Aufgrund einer Reihe von Umständen fand ich mich allein in der E2M-Kategorie wieder, während die Kontrahenten alle genügend Gegner hatten um volle Punktzahl zu erhalten .Nach der Technischen Abnahme am Freitag wollte ich nach Hause fahren, weil es keinen Sinn machte, um halbe Punkte zu fahren. Ich war sehr endtäuscht und demoralisiert und rief Enzo Osella an, um ihm zu sagen, dass ich hier meine Zelte abbreche, ohne anzutreten. Er sagte zu mir: „Bleib ruhig und konzentriert, nimm teil und tue, was du kannst.“ Ich habe das Rennen in der Gesamtwertung gewonnen und den Streckenrekord verbessert. Ich kam zwar nur mit der Hälfte der Punkte nach Hause, aber mit viel Genugtuung. Was die Fehler angeht, sage ich ehrlich, dass ich viele gemacht habe und immer noch viele mache, also sage ich oft „Ich hätte das anders machen sollen“.

CCP: Gibt es etwas, was Du aus Deinen Anfängen vor über 20 Jahren bereust?
Christian Merli: „Eins vielleicht ja. Ich habe Mitte der 90er Jahre angefangen und es gab Gruppe N, Gruppe A und Prototypengruppe. Die Klassen setzten sich manchmal aus 20 bis 30 Fahrern zusammen und vielleicht war der fünfte Platz schon ein Erfolg. Heute ist es nicht zu verstehen, wie viele Gruppen und Klassen es gibt, oft gewinnt man im Alleingang. Nun ist es schwierig zurück zu gehen, weil jeder seine Autos nach dem Reglement seiner Gruppe hergerichtet hat und es teuer wäre, die Autos zu modifizieren. Aber es wäre sicherlich schön, weniger Klassen zu sehen.“

CCP: Körperliche Vorbereitung ist wichtig, besonders wenn man sich fast jedes Wochenende Wettkämpfen stellt. Wie trainierst Du in deiner Freizeit?
Christian Merli: Im Winter schaffe ich es meistens, mich fit zu halten, indem ich auf meine Ernährung achte und Sport treibe, leider habe ich während der Rennsaison aus Zeitmangel etwas mehr Mühe die Fitness zu halten, auch weil wir im Team die gemeinsamen Essen genießen und ich mich nicht zurückhalte. Bei durchschnittlich 18 bis 20 Rennen in der Saison sind wir kaum zu Hause und außer ein paar Spaziergängen auf den Strecken oder ein paar Fahrten mit dem Rad ist nicht mehr Sport drin.

CCP: Du bist viel bei Bergrennen in ganz Europa unterwegs. Was fehlt Deiner Meinung nach in Italien, im Vergleich zu den Wettbewerben im Ausland und was fehlt im Ausland bei den dortigen Bergrennen, im Vergleich zu Italien?
Christian Merli: „Das ist schwer zu beurteilen. Weil die Situationen, denen wir begegnen, von Rennen zu Rennen sehr unterschiedlich sind, auch im Ausland.“

CCP: Nach so vielen Rennjahren, in denen Du zahlreiche große Erfolge hattest, möchten sicherlich viele Fans wissen wie Dein Debüt verlief? Erzähle uns von Deinem ersten Bergrennen überhaupt.
Christian Merli: „Es war Frühjahr 1993 und ich wollte es einfach mal ausprobieren. Ich habe meinen Straßen-Ford Fiesta Turbo verkauft, um mir einen gebrauchten Peugeot 205 1600 GTI Gruppe N zu kaufen. Mit diesem habe ich dann 20 Kilometer von zu Hause entfernt am Levico Vetriolo-Bergrennen teilgenommen. Am Freitag reiste ich mit dem Rennwagen auf der Achse an und meine Freunde halfen mir beim Reifenwechsel auf gebrauchte Slicks. Wir zelteten dort drei Tage. Am Samstag zog ich meinen Fahreranzug an, Integralhelm und Handschuhe. Ich war es nicht gewohnt, so im Auto eingespannt zu werden und mit den Slicks schien der leistungsschwache Motor überhaupt nicht zu funktionieren. Die Performance war sicherlich schlechter als mein ehemaliger Straßenwagen. Im Rennen erreichte ich einen Mittelfeldplatz, aber ich war nicht zufrieden. Von da an kletterte ich ständig in den Ergebnislisten höher.“

CCP: Im Laufe der Jahre bist Du auf sehr unterschiedlichen Strecken gefahren. Welche sind Dir aus einem bestimmten Grund ans Herz gewachsen?
Christian Merli: „Wir Fahrer mögen normalerweise immer Strecken, auf denen wir gute Ergebnisse erzielen. Ich habe keine spezielle eine Lieblingsstrecke, aber ich bevorzuge Rennen mit mittelschnellen Kurven. Um ein Beispiel zu nennen, das ADAC Glasbachrennen in Deutschland hat diese Eigenschaften.“

CCP: Die Bergrennwelt ist immer noch beeindruckt von Deinem zweiten Lauf beim diesjährigen FiA Hillclimb Masters in Braga. Glaubst Du, dass dies der perfekteste Lauf Deiner Karriere war oder gab es andere?
Christian Merli: „Der beim Masters war sicher das Sahnehäubchen und es war sehr befriedigend. Ich wollte es gut machen und habe Avon gebeten, mir einen Reifentyp zu schicken, der mir bereits gut gelegen hat. Leider stellte man beim Zeitpunkt des Versands fest, dass die favorisierten Reifen nicht auf Lager waren. Also schickten sie mir verschiedene Reifentypen zum Testen. Während der Trainingsläufe habe ich drei verschiedene Reifentypen verwendet. Für das Rennen habe ich dann eine Karkasse gewählt, die mir viel Selbstvertrauen gegeben hat, leider nur mit mittlerer Mischung sodass ich nur am frühen Nachmittag während des zweiten Laufs mein Bestes geben konnte. Bei abnehmender Asphalttemperatur im letzten Lauf habe ich dann ein paar kleine Fehler gemacht. Die Zufriedenheit war natürlich dennoch groß, als ich im 2. Rennlauf angekommen bin.

CCP: Der Osella FA30 und sein carbonverkleideter Rahmen behaupten sich weiterhin ganz oben gegen Konkurrenten, die die Chassis-Lösung komplett mit diesem Material fahren (Norma). Hast Du diese Option schon einmal mit Enzo Osella diskutiert? Und dann erzähle uns, wenn Du möchtest ausführlich von Deinem FA30.
Christian Merli: „Sagen wir, dass der FA30 gut konstruiert wurde und er es noch immer schafft mit einem Carbonrahmen mit neueren Projekten Schritt zu halten. Ich denke Enzo Osella würde gerne ein neues Projekt mit einem reinen Carbonchassis beginnen, aber leider ist die notwendige Investition nicht von Pappe. Zu meinem FA30 ist zu sagen dass der Rahmen aus Kohlenstoffstahl, die Karosserie aus Fiberglas ist. Das Getriebe ist ein 6-Gang-SADEV mit Lenkradschaltung und die Aufhängungen werden von ORAM hergestellt. Der Motor ist von Zytek und stammt ursprünglich aus der Formel 3000, der von Judd Ende der 90er Jahre entworfen und produziert wurde. Die spezielle Vorbereitung wird vom der Firma LRM der Petriglieri-Brüder übernommen, die in den letzten Jahren hart gearbeitet haben. Die Auspuffanlage wird von Domenico Loddo hergestellt und bei Schmierstoffen und Benzin verwenden wir Wladoil-Produkte. Dazu kommt der Reifenhersteller Avon, mit dem wir seit mehreren Jahren zusammenarbeiten.“

CCP: Dein Programm für 2022? Bleibst Du weiterhin auf Osella FA30 oder müssen wir diesbezüglich mit Neuigkeiten rechnen?
Christian Merli: „2022 möchte ich mit meinem FA30 an der Europameisterschaft teilnehmen und vielleicht ein paar Rennen mit dem neuen von Osella designten Auto fahren.“

CCP: Zum Kapitel Osella PA2000 V8, über das so viel gesprochen wird. Was kannst Du uns dazu sagen und was werden die Neuerungen sein, die vor allem angesichts der Besonderheiten des Motors zu erwarten sind?
Christian Merli: „Ich denke, es ist ein gutes Projekt und ich kann es kaum erwarten, es zu testen, um sein wahres Potenzial zu verstehen, was auf dem Papier wirklich interessant ist. Ein Auto mit guter Leistung, geringem Gewicht und einigen Innovationen von Osella und seinen Mitarbeitern .“

CCP: Wie siehst Du die Zukunft des Bergrennsports, auch aus Sicht des technischen Reglements?
Christian Merli: „Eine Anpassung sollte langsam vollzogen werden, damit sich jeder an alle regulatorischen Änderungen anpassen kann. Wir müssen nur abwarten, was passieren wird.“

CCP: Danke Christian, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Grüße an alle Fans?
Christian Merli: „Ein großes Hallo an alle Fans, mit der Hoffnung, Euch wie immer bei den zahlreichen Rennen bald wieder zu treffen.“

Interview: Cronoscalate Che Passione
Fotos: Henri Schwirtz, Thomas Bubel

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Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.