Masters: Merli absolut schnellster – Meisels goldene Rückkehr

So schon kann Bergrennen sein. Auch beim vierten FIA Hill Climb Masters, diesmal in Portugal kam das Schweizer Team zu einer Medaille, diesmal mit Reto Meisel. Die Österreicher fehlten hingegen komplett und die drei Deutschen schlugen sich tapfer. Den grandiosen Dreikampf um den Tagessieg entschied Christian Merli für sich.

Wer es nicht miterlebt hat, kann sich die Stimmung fast nicht vorstellen. Laut Schätzungen der Organisatoren kamen rund 80’000 Zuschauer ans Training, am Renntag sollen es gegen 100’000 gewesen sein. Der exzellente Livestreream der FiA verwöhnte auch die Daheimgebliebenen. Normalerweise zahlen die Portugiesen bei einem Bergrennen keinen Eintritt. Doch für die drei verlangten Euro plus ein paar mehr für Tribünenplätze kamen sie beim FIA Hill Climb Masters 2021 in Braga voll auf ihre Rechnung.

Dreikampf der Champions: Vor dieser beeindruckenden Kulisse lieferten sich die Italiener Simone Faggioli und Christian Merli mit dem französischen Champion Geoffrey Schatz bei schönstem Spätsommerwetter einen sensationellen Fight um Sekundenbruchteile. Dabei hatte Rekord-Europameister Faggioli für einmal nie die Nase vorn. Auf der 2970 Meter kurzen Version der Rampa da Falperra, wo ansonsten noch gute 2,2 Kilometer länger um Punkte zur Berg-EM gefahren wird, lagen Schatz, Merli und Faggioli nach dem ersten Rennlauf nur um vier Zehntel getrennt. Im zweiten Sprint packte der Südtiroler den Hammer aus und trieb den Osella FA30 Zytek in 1’02,033 den Berg hoch, was einem Schnitt von 172,4 km/h entspricht. Dies bedeutete den Tagessieg, für den nicht wie in der Berg-EM üblich die Additionen der zwei besten Zeiten galten, sondern der schnellste Lauf in drei Versuchen.

Faggioli für einmal nur Dritter: Im zweiten Sprint an Faggioli vorbei auf Rang 2 vorgerückt, montierte Schatz (Foto) im Gegensatz zu seinen Gegnern erst im dritten Durchgang neue Reifen. Die Mehrleistung seines Oreca-Turbomotors im Nova Proto-Sportwagen vermochte der Franzose aber nicht so auszuspielen, dass er Merlis Sieg noch verhindern konnte. Dessen Vorsprung betrug am Ende 359 Tausendstel, Faggolis Rückstand auf seinen Landsmann etwas mehr als sechs Zehntel. Simone Faggioli: «Ich hatte im letzten Lauf einen kleinen Fehler drin. Ich denke aber nicht, dass ich Merli abgefangen hätte, wohl aber Schatz.» Christian Merli eroberte so wie vor drei Jahren in Gubbio Gold und Faggioli Silber bei den FIA-Rennsportwagen der Kategorie 2, während Schatz die Kategorie Open für unlimitierte bzw. nicht FIA-homologierte Fahrzeuge für sich entschied. Sein älterer Bruder Nicolas hatte 2014 mit einem Norma-BMW V8 beim ersten FIA Hill Climb Masters in Eschdorf (LUX) den Gesamtsieg errungen.

Starke Briten: Dahinter belegten die Briten Alex Summers und Wallace Menzies mit ihren über 600 PS starken und superleichten Bergsprint-Monoposti die Gesamtränge 4 und 5. Vor allem Summers überzeugte mit viel Mut und Speed im Leitplankenkanal. Silber in der Kat. Open als bester Landesvertreter entschädigt ihn für den im Duell mit Menzies entgangenen nationalen BHC-Titel. Die restlichen Top-Piloten von der Insel hatten ihre Probleme mit der ungewohnt breiten, ultraschnellen und kurvenarmen Piste. Trevor Willis beschädigte sich bereits im Training die Hinterachse seines OMS 28 RPE 3,2 bei einem Leitplankenkontakt. Ein ähnliches Missgeschick passierte auch Sean Gould im Gould GR59 Jb mit vier Liter-Judd  gleich an beiden Tagen.

Unfall von Bratschi: Zu feiern hatte auch das kleine Team Schweiz, obwohl die Ausbeute nicht ganz den Vorstellungen entsprach. Nach den drei Trainingsläufen lagen Ronnie Bratschi und Reto Meisel in ihren Kategorien vorne. Für Bratschi endete der Kampf mit der vierköpfigen Armada polnischer Mitsubishi-Piloten im zweiten Lauf an der Leitplanke. «Ich fuhr die betreffende Passage einen Gang höher an als im Training und brachte beim Zurückschalten den vierten Gang nicht rein. Ohne Zug aus der schnellen Linkskurve heraus konnte ich den Einschlag nicht mehr verhindern.» Die Zeit aus dem ersten Lauf reichte wenigstens noch zum dritten Rang in der Gruppe 1.

Meisels vergoldete Rückkehr: Meisels Mercedes SLK 340 Judd war zwar in derselben Kategorie und Gruppe genannt, doch weil er nicht in allen Punkten dem neuen FIA-Reglement für Tourenwagen und GT entsprach, teilten ihn die Stewards vor Ort in die Kategorie Open um. Den umgekehrten Weg musste Deutschlands Erwin Buck im viel bewunderten VW Spiess Scirocco Mk1 16V gehen. Mit echten Medaillenchancen angereist schlug sich der Schwabe in der Kategorie 1 (nach Performance Faktor) der „Berg-Monster“ prächtig mit Rang 17 inmitten von Ferraris und Lamborghinis. In der Pf-Gruppe 3 eroberte der einzige KW Berg-Cup Repräsentant sogar den letzten Podiumsplatz. Nach der Umstufung von Reto Meisel hatte der Aargauer ungewollt leichtes Spiel mit den direkten Gegnern um die Medaillenvergabe, ließ es aber logischerweise nicht dabei bewenden. Im ersten und zweiten Lauf war Meisel der Schnellste aller Tourenwagenpiloten, erst im letzten Sprint fing ihn der in der Kategorie 1 siegreiche Pole um zwei Hundertstel ab. «Ich legte es gar nicht mehr darauf an und wollte einfach das Auto heil ins Ziel bringen. Trotzdem war ich nochmals schneller. Für mich war es nach zweieinhalb Jahren das erste echte Rennen mit dem SLK, bei dem ich den Wagen spüre, denn vor zwei Wochen in St. Agatha fuhr ich noch nicht wirklich schnell damit.»

Dritte Goldmedaille in vier Auflagen: Nach Eric Berguerand 2014 in Luxemburg und Roger Schnellmann 2018 in Italien ist Meisel der dritte Schweizer Goldmedaillengewinner. Keine zusätzliche Medaille gab es im Nations-Cup, wofür die geringste Differenz in zwei Läufen von drei der vier nominierten Fahrer eines Länderteams zählen. Hier schwang Frankreich vor der Slowakei und Belgien obenauf, während sich das Team Schweiz (Silber 2014 und 2016) mit Rang 6 begnügen musste. Aufgrund des peinlichen Desinteresses des Deutschen Motorsport Bund (DMSB) an diesem Happening der internationalen „Hillclimb-Family“ konnte keine offizielle Mannschaft und Delegation nach Portugal entsandt werden.

Michel Zemp regelmässig schnell, aber unterlegen: Dabei hatte die Schweiz einen der regelmäßigsten Fahrer überhaupt, betrug die Abweichung von Michel Zemp doch nur fünf Hundertstel, so wenig wie bei keinem aller nominierten Fahrer in den 15 Nationenteams. Gewinnen, außer an zusätzlicher Erfahrung, konnte Zemp mit dem Norma-Honda im zusammengefassten Feld aller E2-Sportwagen mit überwiegend PS-stärkeren Motoren ansonsten nichts, sodass sein 28. Gesamtrang aller Ehren wert ist. Thomas Amweg ging vorsichtig zu Werke und genoss wie alle 153 Fahrer aus 18 Nationen die unvergleichliche Ambiance in Portugal. Mit dem Lola F3000 blieb er aber weit von seiner Bestform zurück. Einerseits fehlte ihm ein Trainingslauf, andererseits wollte er den geliehenen Rennwagen fünf Monate nach dem Unfall mit dem Martini F2 in Arosa einfach heil ins Ziel bringen. Gesamtrang 31 unmittelbar vor den schnellsten zwei Tourenwagenpiloten, verdeutlichte dies.

Schweizer Verband ASS mit gutem Beispiel voran: Einen Absatz widmen wir noch den deutschen Fahrern. Alexander Hin, Georg Lang und Erwin Buck traten als Einzelkämpfer an. Die deutsche Sporthoheit – anders als Auto Sport Schweiz, das sogar großzügige Unterstützung bot – zeigte null Interesse am größten Bergrennen seit Jahren. Als Gesamt-Zwölfer war „Alex“ Hin im Osella-Zytek der schnellste Deutschsprachige in Portugal. Bis auf den letzten Metern im dritten und letzten Lauf lag der Schwarzwälder „Häuslebauer“ noch vor den Landesmeistern Domeninco Cubeda (Italien) und Sebastien Petit (Frankreich). «Ja, vielleicht mit anderen Reifen wäre es noch etwas schneller gegangen. Ich habe mich im letzten Lauf für die roten Pirellis entschieden, lila wäre wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen. Nur 5/10 Sekunden, dann hätte ich sie gehabt.» Georg Lang ist bei seinem allerersten Masters wohl auch auf den Geschmack gekommen. Im riesigen Feld der PS-starken Formel und Prototypen gelang dem jungen Schweinfurter ein solider 26. Platz, dazu Rang 9 in der Gruppe E2-SS und ein 47. Platz in der Gesamtwertung. «Die Kulisse mit den über 100’000 Zuschauern ist natürlich einzigartig. Das war wie im ausverkauften Fußballstadion auf der kompletten Strecke. Am Anfang hatte ich logischerweise mit der Streckenkenntnis und der Linienwahl meine Probleme. Am Ende habe ich aber meine persönlichen Ziele noch übertroffen. Maßlos enttäuscht und niedergeschlagen bin über unseren Verband DMSB. Ohne die geringste Unterstützung und quasi auf eigene Faust hier, war Deutschland leider nur eine Randerscheinung. Schön, das doch einige treue Fans aus der Heimat die rund 2.000 km lange Anfahrt auf sich genommen haben.»

Text: Peter Wyss (autosprint.ch) und Thomas Bubel
Fotos: Peter Wyss, Nicolas Millet, FiA

Alle Resultate gibt es unter diesem Link:
https://chronomoto.hu/fiahillclimb/live_masters/index.php

Über Thomas Bubel 642 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.