Flexibilität gefragt: Hygienekonzepte im Motorsport am Berg

Fahrer und Fans fiebern gleichermaßen darauf hin, dass die Motoren endlich starten. In gewissem Rahmen ist Motorsport bereits wieder möglich. Eines aber ist anders: Ebenso wie das Restaurant und das Kino braucht jetzt auch jedes Rennen ein Hygienekonzept. Wie viele Personen dürfen auf das Gelände gelassen werden? Wie hält man eine Fahrerbesprechung, wenn doch Menschenansammlungen in engen Räumen vermieden werden müssen? Was passiert bei einem Covid-19-Verdachtsfall? Die Rennveranstalter sind eigentlich Experten für Sicherheitskonzepte auf und an der Rennstrecke. Ihre Zauberwörter heißen etwa „Streckenposten“ oder „Sperrzone“. Jetzt müssen sie sich plötzlich Gedanken machen, wo sie Desinfektionsmittelspender aufstellen und ob Fotografen ins Fahrerlager dürfen. Die bewährten gelben und roten Flaggen nützen da wenig. Zuschauer sind ohnehin vorerst tabu. Wo fängt man an, wenn man ein Hygienekonzept entwickeln will? Glücklicherweise muss nicht jeder Veranstalter das Rad neu erfinden. Ob Freiwillige Feuerwehr oder Sportverein, sie alle stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Wer sich umschaut, entdeckt bereits viele Best-Practice-Beispiele.

Zu den Besonderheiten im Motorsport haben sich ebenfalls schon andere Gedanken gemacht. Die FIA, der Automobil-Weltverband, gibt auf gleich 81 Seiten dem kleinen regionalen Slalom ebenso wie dem großen professionellen Rundstreckenrennen detaillierte Tipps, wie die Rückkehr zum Motorsport bewerkstelligt werden kann. Natürlich kommt es immer auf die Gegebenheiten vor Ort an, und an erster Stelle stehen die jeweiligen behördlichen Vorschriften. Aber Schilder mit Hinweisen auf die Abstandsregelung, eine größtenteils virtuell stattfindende Dokumentenabnahme oder der Verzicht auf die persönliche Pokalübergabe bei der Siegerehrung sind nur einige Beispiele von Maßnahmen, um die vorerst kein Rennen herumkommen wird. Auch der DMSB lässt die Veranstalter nicht allein. In zwei Webinaren erläuterte er seine auf der Website veröffentlichten Handlungsempfehlungen und umfangreichen weiteren Hilfestellungen und ging auf konkrete Fragen der Veranstalter ein. Schon beim ersten Webinar schalteten sich rund 80 Personen zu. DMSB-Pressesprecher Michael Kramp begrüßte als Referenten Sven Stoppe und Horst Seidel vom DMSB-Academy-Beirat, die auch ihre ersten Praxis-Erfahrungen mit Motorsportveranstaltungen unter Corona-Bedingungen weitergaben.

Worauf also kommt es an? Frühzeitig das Gespräch mit den Genehmigungsbehörden suchen, mit dem medizinischen Team genau vereinbaren, wie bei einem Covid-19-Verdachtsfall vorgegangen werden soll, auch ungewöhnliche Lösungen in Betracht ziehen, um die einzelnen Bestandteile der Veranstaltung coronakonform zu gestalten  – und das alles unter der Ägide eines eigens benannten Hygienebeauftragten, der sämtliche Vorgaben nicht nur genau kennt, sondern auch vor Ort durchsetzt. Denn das beste Konzept nützt nichts, wenn es nicht konsequent befolgt wird. Sven Stoppe hat schon seine eigenen Erfahrungen gemacht: „Am ersten Tag hat es ganz gut funktioniert, am zweiten ein bisschen schlechter…“ Das Hygienekonzept will also sorgfältig vorbereitet und umgesetzt sein. Diese Aufgabe dürfen die Veranstalter auch im Bergrennsport nicht unterschätzen. Denn der Infektionsschutz ist in den Blickpunkt gerückt: Ein Bergrennen mit seinen vielen Beteiligten von überallher soll auf keinen Fall zum Corona-Hotspot werden. Für die Veranstalter bedeutet das eine große Verantwortung. Der DMSB will ihnen aber auch Mut machen. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten profitiert das Bergrennen immerhin davon, dass es ein kontaktloser Individualsport ist, bei dem die Fahrer schon allein durch Fahrzeug, Rennbekleidung und Helm geschützt sind. Zudem findet die Veranstaltung praktisch ausschließlich draußen statt. Und schließlich sind die Zuschauer – wenn sie denn wieder zugelassen werden – nicht alle an einem Punkt versammelt, sondern verteilen sich im besten Fall entlang der Rennstrecke. Die Fahrerbesprechung also? Vorab per Video, rät der DMSB. Weitere Tipps: Start- und Ergebnislisten auf einem Onlineportal veröffentlichen, um Gedränge vor dem offiziellen Aushang zu vermeiden. Den Offiziellen ihre Dokumente vorab online zur Verfügung stellen, statt ihnen vor Ort Papierstapel zu überreichen. Die aktuelle Ausnahmesituation ist schließlich zugleich eine Chance für den Motorsport, seine Abläufe mithilfe digitaler Technologien effizienter zu gestalten. Und irgendwann werden hoffentlich auch das Schwätzchen vorm Rennbüro und die Umarmung bei der Siegerehrung wieder möglich sein.

von Ruth Scheithauer

Alle Infos des DMSB zum Thema „Motorsport und Covid-19-Virus: Fragen und Antworten“ unter https://www.dmsb.de/covid19/

FIA Return to Motor Sport Guidelines: https://www.fia.com/fia-return-motor-sport-guidelines

Über Thomas Bubel 501 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.