Berg-Europameisterschaft in der Schweizer Sommerfrische

Auch das schweizerische Traditionsrennen Saint-Ursanne – Les Rangiers wird 2020 von der Corona-Pandemie ausgebremst. Die Enttäuschung der Aktiven und der Fans ist groß. Aber vergessen wir für einen Moment, dass in diesem Jahr nichts ist wie sonst. Versetzen wir uns für einen Moment an den Schauplatz eines der spektakulärsten Bergrennen Europas.

Ruhe suchende Großstädter kommen gern zum Angeln nach Saint-Ursanne. Das mittelalterliche Städtchen unweit von Basel im Schweizer Jura liegt verträumt am Ufer des Flüsschens Doubs. Alljährlich im August aber lockt ein Schwarm bunter und lauter Rennautos die Menschenströme in die Bilderbuchkulisse: Kurz nach dem Osnabrücker Bergrennen trifft sich hier der internationale Rennzirkus wieder. Dann wird aus dem Postkartenidyll der Schauplatz des berühmt-berüchtigten Europameisterschafts-Bergrennens Saint-Ursanne – Les Rangiers.

Spaziert man am Rennwochenende vom hoch gelegenen Bahnhof ins Tal hinunter, liegt einem Saint-Ursanne zu Füßen wie eine liebevoll aufgebaute Carrerabahn. Auf einem schmalen, von schmucken Wohnhäusern gesäumten Ausfallsträßchen knapp außerhalb des Stadttors Porte St. Pierre rollen die Rennwagen zur Startlinie. Plötzlich hört man sie aufheulen und beschleunigen, während sie auf den ersten paar hundert Metern der Strecke an gepflegten Vorgärten vorbeirasen. Unter dem massiven Viadukt, das das Doubs-Tal überspannt, entschwinden sie aus dem Bild.

Auf sie wartet „Les Grippons“. Den Namen dieser langgezogenen Linkskurve kennen alle Bergpiloten in Europa. Die wagemutigsten erreichen hier mit Vollgas im 6. Gang über 250 km/h. Gänsehaut pur für die Zuschauer auf der angrenzenden Tribüne. Die Frau eines der Piloten dagegen war hier noch nie: „Manchmal ist es besser, sich alles nicht so genau vorstellen zu können.“ Bei dem darauf folgenden ultraschnellen Waldabschnitt nehmen sogar gestandene Spitzenfahrer das Wort „Angst“ in den Mund. „Das ist schon an der Grenze“, gibt einer von ihnen zu. Die Spitzkehren am Petit Susten schließlich bieten den Zuschauern einen fantastischen Ausblick über das letzte Teilstück der 5,180 km langen Strecke.

Auf der gegenüberliegenden Seite Saint-Ursannes, am anderen Flussufer, fahren derweil die nächsten Fahrzeuge Richtung Start. Das Tal summt und brummt wie von aufgescheuchten Wespen. Auf Gewerbeflächen, Parkplätzen und Straßen fügt sich das Fahrerlager ein Wochenende lang wie selbstverständlich ins Stadtbild ein. Die Tourenwagen schmücken schon am Freitag den Ort, wenn sie zur technischen Abnahme vor der Stiftskirche vorfahren. Am Samstag und Sonntag fädeln sie sich – buchstäblich zum Anfassen – über die enge Brücke und durch die Gassen, um sich am Ortsausgang gemeinsam mit den offenen Rennsportwagen in die Startvoraufstellung einzureihen.

Das Örtchen Saint-Ursanne verkörpert die entspannte Seite des legendären Rennens. Shuttlebusse bringen die Zuschauer bequem zu den zentralen Punkten der Veranstaltung. Restaurants und Verpflegungsstände überall im Ort sorgen für das leibliche Wohl, und von vielen Einheimischen hört man ein freundliches „Bonjour“.

Die Respekt einflößende Strecke hinauf nach Les Rangiers ist die andere Seite. Hier regiert das Adrenalin. Einer der jungen Fahrer kommt mit leuchtenden Augen von seinem Debüt zurück. „Les Grippons, das gefällt mir am besten!“

Text und Fotos: Ruth Scheithauer

Über Thomas Bubel 511 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.