Porträt Robin Faustini: «Mein Moped ist nie 30 km/h gefahren»

Robin Faustini (22) ist der Aufsteiger der Schweizer Berg-Meisterschaft. Sein Motto hat er von Rennfahrer-Legende Mario Andretti abgekupfert: «If everything is under control, you’re just not going fast enough!» Robin Faustini gilt als das Talent im Schweizer Bergrennsport. Unerschrocken, draufgängerisch und doch mit der nötigen Portion Respekt rückt der Aargauer der Schweizer Berg-Elite immer mehr auf die Pelle. Noch fehlen dem gelernten Sanitärinstallateur mit italienischen Wurzeln ein paar Sekunden, doch für den mehrfachen und amtierenden Schweizer Meister Eric Berguerand steht jetzt schon fest: «Robin ist der Mann, der uns eines Tages beerben wird.» Mehr als 18 Jahre Altersunterschied haben die beiden. Das sind im Bergrennsport Welten. Marcel Steiner, im Vorjahr Gesamtzweiter, ist gar doppelt so alt. Doch Faustini lässt sich deshalb nicht von seiner Mission abbringen: «Ich will Schweizer Meister werden», sagt der Mann, der mit 520 PS den Berg hochjagt, selbstbewusst. Vor ihm liegt ein hartes Stück Arbeit. Fahrerisch ist er Berguerand und Steiner, die den Titel in den letzten zehn Jahren unter sich ausgemacht haben, ein großes Stück näher gekommen. Das Problem ist das Auto. «Mein Formel 3000 ist im Vergleich zu Berguerands Lola ein Serienfahrzeug. Eric hat mit seiner Erfahrung das Auto so umgebaut, dass es am Berg perfekt harmoniert. Daran muss ich nun arbeiten.»

Im Kart zu faul – Das Einmaleins des Motorsports hat Faustini nicht wie viele andere im Kartsport gelernt. Zwar ist auch er Kart gefahren, aber nur sporadisch. Eine Teilnahme an der Schweizer Meisterschaft hat ihn nie interessiert. «Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er mir das Kartfahren ermöglicht hat, aber ich war damals als Teenager zu faul, um diesen Sport ernsthaft zu betreiben.» Viel mehr Freude hatte Robin am Hobby seines Vaters. «Ich bin mit ihm zu jedem Bergrennen mitgegangen und habe ihm geholfen, sein Auto zu präparieren.»

Bergrennen wurden so bald zur gemeinsamen Leidenschaft. Nur der Nachname blieb unterschiedlich. «Meine Eltern haben nie geheiratet», sagt Robin, der stolz den Namen seiner Mutter trägt. «Als es eines Tages darum ging, dass ich den Namen meines Vaters annehmen sollte, habe ich meinen Eltern gesagt: Wenn ich zu einem ‹Hugentobler› werde, bin ich hier weg!» Mit 17 Jahren klemmte sich Faustini erstmals selber hinters Lenkrad eines Monopostos. «Ich weiss noch», erzählt er, «dass mich Roland Bossy, bei dem auch mein Vater gefahren ist, an einem Montag angerufen hat. Ich war damals noch in der Ausbildung und er fragte mich, ob ich am Mittwoch zu einem Test im Formel Renault nach Dijon kommen möchte. Ich nahm die Einladung an – und damit hat alles begonnen.» Dass er bei diesem Test auf Anhieb glänzte und nach nur einem Tag dieselben Zeiten fuhr wie weitaus erfahrenere Piloten, hat Faustini nicht übermässig überrascht. «Ich habe schon als Kind meinem Vater zugeschaut, wie er am Lenkrad kurbelte und was er mit den Pedalen anstellte. Mich hat das immer fasziniert.»

Bestzeit für den Grossvater – Neben Vater Simon Hugentobler war es vor allem Robins Grossvater, der das Talent förderte und mit dem Kauf eines neuen Wohnmobils das Hobby seiner Nachkommen auch tatkräftig unterstützte. «Sein sehnlichster Wunsch war es, mich zu meinem ersten Rennen zu begleiten», sagt Faustini. Doch bei Robins Grossvater wurde bei einer Hüft-OP Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Für Robin begann ein Wettlauf mit der Zeit. «Ich wollte meinem Opa diesen Wunsch unbedingt erfüllen, doch ich wusste, dass ihm nicht viel Zeit blieb.» Zwar war Robin dank der Hilfe von Auto Sport Schweiz schon bald einmal in Besitz seiner Rennlizenz. Doch die Reise zum ersten Rennen nach Eschdorf trat Faustini ohne seinen Grossvater an. «Ich weiss noch, dass er meine ersten beiden Läufe per Livetiming verfolgte. Und ich im zweiten Lauf bei den Zwei-Liter-Fahrzeugen die zweitschnellste Zeit fuhr. Er hatte also mitgekriegt, dass ich es drauf habe. 20 Minuten vor dem dritten Durchgang ist er für immer eingeschlafen.» Typisch für Faustini: Er fuhr danach im dritten Lauf Bestzeit. «Dieses Erlebnis hat mich sehr geprägt.»

Erste Saison ohne Les Rangiers – Auch Robins Vater war von der Leistung angetan. Die anfängliche Angst, den Sohnemann bei Bergrennen fahren zusehen, wich. Trotzdem musste Faustini noch einen Lauf zur Schweizer Slalommeisterschaft absolvieren, ehe ihm der Vater die Teilnahme zur ersten Bergsaison erlaubte. Diese bestand für den damals 18-Jährigen noch ohne den Klassiker in Les Rangiers. «Dieses Rennen war meinem Vater dann doch ein wenig zu gefährlich», schmunzelt Faustini. Nach nur einer Saison im Zwei-Liter-Renault stieg Faustini 2017 um. Wie der Vater wollte auch der Junior einen Formel 3000 fahren. Die Begeisterung im Hause Hugentobler/Faustini hielt sich anfänglich in Grenzen. Zwar zeigte die Lernkurve von Robin steil nach oben. Doch das Risiko, mit mehr als 500 PS am Berg zu fahren, ist enorm. Vor allem, wenn man gerade mal auf ein Jahr Erfahrung im Bergrennsport zurückblickt. Wieder war Eschdorf wegweisend. Und wieder schaffte es Faustini, seinen Vater zu überzeugen – unter einer Bedingung: In Les Rangiers musste Robin auf den Zwei-Liter-Renault zurückgreifen. «Das habe ich so akzeptiert», sagt Faustini. «Schliesslich war auch mir klar, dass ich mir mit einem Formel 3000 am Berg richtig weh machen kann, wenn ich es übertreibe.»

Im Drift durchs Parkhaus – Das Abwägen zwischen Vorsicht und Draufgängertum hat Faustini schnell verinnerlicht. Das mag wohl daran liegen, dass er sich die Hörner schon früher abgestoßen hatte. «Mein Moped ist nie 30 km/h gefahren», lacht Robin herzhaft und erinnert an die ersten Tage nach dem Erwerb des Führerscheins. «Ich war eine Woche nach Bestehen der Fahrprüfung mit einem Kollegen in meinem MX5 unterwegs. Aus Jux fragte mich dieser, ob ich es schaffe, durch ein leeres Parkhaus zu driften, ohne ein zweites Mal anzusetzen. Kein Problem, dachte ich – und bis kurz vor der Ausfahrt sah alles auch vielversprechend aus. Doch dann stand leider ein Pfosten im Weg…»

Den Wiederaufbau hätte sich Faustini sparen können. «Weil ich andauernd im Begrenzer gefahren bin, ging der Motor eines Tages hoch.» Diese und andere Erfahrungen haben den Draufgänger Faustini geprägt. Auch weil er die Auswirkungen solcher Dummheiten am eigenen Leib, sprich am eigenen Portemonnaie, zu spüren bekam. Obwohl er den Standpunkt von Rennfahrer-Legende Mario Andretti vertritt («If everything is under control, you’re just not going fast enough»), ist Faustini (für seine Verhältnisse) sehr ruhig und abgeklärt geworden. 2019, in seiner dritten Saison mit dem F3000, hat Robin nur drei Sätze Reifen gebraucht. «Es gab Situationen, da hätte ich mit neuen Reifen schneller fahren können. Doch das Risiko war es mir nicht wert. Mein Ziel war Platz 3 in der Meisterschaft. Das wollte ich mir nicht mit irgendwelchen Dummheiten verscherzen.»

Ein Traum für einen «halben» Italiener – Um Aufbau und Vorbereitung seines Fahrzeugs kümmert sich Faustini selber. In der Garage direkt neben dem Elternhaus schrauben er und sein Vater an ihren Autos. Neben dem Reynard K01, den Faustini 2019 bis Les Rangiers fuhr, steht dort auch der Reynard 97D, den Robin im Vorjahr von seinem Vater ausgeliehen hatte, sowie der brandneue Osella PA30, den sich Simon Hugentobler im Vorjahr angelacht hat. Auf diesem als «halber» Italiener einmal zu fahren, ist ein Traum Faustinis. Doch vorläufig konzentriert er sich auf die Formel 3000. «Ich werde die Saison 2020 wieder mit dem K01 in Angriff  nehmen», sagt Faustini. Der 97D, der im Übrigen einst von Ex-Formel-1-Pilot Tora Takagi in der Formel Nippon gefahren wurde, bleibt vorderhand in der Garage. Viel Freizeit bleibt Faustini zwischen Mai und September nicht. Wenn die Schweizer Bergmeisterschaft losgeht, sind die Wochen verplant. Hilfe kriegt Faustini von einem Arbeitskollegen. «Seit zwei Jahren habe ich mit Martin einen Rennmechaniker dabei, der ähnlich tickt wie ich und sich mit genauso viel Enthusiasmus in den Rennsport gestürzt hat.» Diese Eigenschaft vermisst Faustini bei vielen Gleichaltrigen. «Der Ehrgeiz und der Wille, sich mit voller Hingabe einem Hobby zu widmen, und gleichzeitig auf zahlreiche andere Freizeitangebote zu verzichten, sieht man heute selten», stellt Faustini fest. «Vielleicht ist das ein Grund, warum es in unserem Sport nicht unendlich viel Nachwuchs gibt.»

Insgeheim hofft Faustini, dass er nicht nur bald in den Zweikampf an der Spitze eingreifen kann. «Es wäre auch schön, wenn es noch mehr Fahrer gäbe, die vorne mitmischen würden. So wie es Thomas Amweg am Gurnigel gelungen ist.» Eines steht fest: Wenn einer wie Faustini weiter so herzhaft Gas gibt, dann müssen sich die Herren Berguerand und Steiner schon bald sehr warm anziehen.

Text: Christian Eichenberger / Auto Sport Schweiz (ASS)

STECKBRIEF ROBIN FAUSTINI
Geburtstag: 30.10.1997
Wohnort: Suhr (AG)
Fahrzeug: Reynard K01
Webpage: www.robinfaustini.com
Instagram: robinfaustini
Facebook: www.facebook.com/robin.faustini

Karriere Berg-Schweizermeisterschaft
2016: Gesamtrang 7 im Tatuus-Renault
2017: Gesamtrang 7 im Reynard 92D
2018: Gesamtrang 5 im Reynard K01
2019: Gesamtrang 3 im Reynard K01 & Reynard 97D

Über Thomas Bubel 501 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.