Christian Merli – Der Europameister und Sieger am Uphöfener Berg

Dass er letztes Jahr wegen einer Terminkollision nicht dabei sein konnte, hat ihn gewurmt. Alles, was es 2018 in Europa zu gewinnen gab, hat Christian Merli mit seinem prächtigen Osella FA 30 Zytek LRM gewonnen – nur das Osnabrücker Bergrennen nicht. Der strahlende Sieger von 2016 und 2017 verfolgte vor einem Jahr das Rennen im Internet und gratulierte fair dem neuen Champion Sébastien Petit. Doch 2019 hat er sich nun den Gesamtsiegertitel samt Streckenrekord zurückgeholt.

Grund zum Jubeln bot Merli seinen Fans 2018 und auch in der aktuellen Sasion  trotzdem reichlich. In der Berg-Europameisterschaft reihte der italienische Superstar mit wenigen Ausnahmen Sieg an Sieg und Streckenrekord an Streckenrekord und auch in diesem Jahr liegt Merli von letzten vier Rennen der EM-Saison punktgleich mit Simone Faggioli an der Spitze der Tabelle. Nachdem der Zytek-V8-Motor und die Avon-Reifen im Winter nochmals optimiert worden waren, war sein Auto seinem Talent endlich ebenbürtig. Und nun kam auch das Quäntchen Glück hinzu, das ihm so oft gefehlt hatte, wenn etwa das Auto auf der Startlinie ausging oder ein plötzlicher Gewitterschauer ihn hinter die im Trockenen gestarteten Konkurrenten zurückfallen ließ. So wurde 2018 das Jahr des Christian Merli. Nach der Europameisterschaft sicherte er sich auch den italienischen Titel. Erstmals gewann er dabei das legendäre Bergrennen Trento–Bondone, sein Heimrennen 80 km oberhalb des Gardasees, das mit 17 km Länge und 180 Kurven als härtestes Bergrennen Europas gilt. Schließlich krönte er die Saison im italienischen Gubbio mit dem Sieg beim großen Finale der Berg-Stars in Europa, dem FIA Masters.

Zum Erfolg war es buchstäblich ein weiter Weg. Innerhalb von 6 Monaten legte Merli im LKW-Transporter 30.000 km quer durch Europa zurück: im Westen bis Portugal, im Osten bis Polen und im Süden bis Sizilien. Um bei insgesamt 20 Rennen jeweils für eine Handvoll Kilometer am Steuer seines ungestümen Boliden zu sitzen und bei höchster Konzentration – egal, wie groß der Erfolgsdruck, wie heiß die Sonne, wie rutschig eine Strecke im Regen – in jeder einzelnen Sekunde die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Anstrengungen wurden belohnt. „Eine riesengroße Freude.“ Nicht nur für ihn selbst. Bei der Meisterschaftsfeier in seinem Heimatdorf wurde deutlich, wie viele Familienmitglieder und Freunde Christian Merli unterstützen. Bescheiden und bodenständig, wie er ist, weiß er das zu schätzen: „Oft denke ich mehr an die Menschen um mich herum, die mit mir zusammen so viele Opfer gebracht haben und die so häufig enttäuscht wurden. Aber diesmal hat alles geklappt.“ Zum Jahresabschluss gönnte er sich im Dezember einen Ausflug in seine große Passion, die Rallye. Und überzeugte auch hier: Bei der Prealpi Master Show unweit Venedigs errang er mit dem Skoda Fabia R5 einen fantastischen dritten Gesamtplatz, besiegt nur von zwei ausgewiesenen Rallyespezialisten.

An seiner Seite auf allen Reisen wie auch beim Tüfteln und Schrauben rund ums Jahr ist Giuliano Serafini, längst nicht mehr nur ein fleißiger und kompetenter Mechaniker, sondern ein Freund. „Und Psychologe“, sagt Merli. „Wenn ich mich mal über etwas aufrege, wartet Giuliano einfach ab und findet dann im richtigen Moment die richtigen Worte. Ihn bringt so leicht nichts aus der Ruhe.“ Das ist Gold wert, denn es ist eine große Verantwortung, mitten in trubeligen Fahrerlagern an sensiblen Rennautos zu arbeiten, denen die Fahrer anschließend auf der Strecke ihr Leben anvertrauen. Gebaut und weiterentwickelt hat Merlis Auto der italienische Rennwagenkonstrukteur und frühere Formel 1-Teamchef Enzo Osella. „Du darfst, nie, nie, niemals mit deinem Produkt zufrieden sein“, sagt der 79-Jährige. „Denn hinter der nächsten Ecke ist immer jemand, der dir ein Bein stellt. Also ist es besser, einen Schritt voraus zu sein.“ Osella, Merli und Serafini sind Profis, Perfektionisten. Wenn sie technische Details diskutieren, die den FA 30 noch schneller, noch mächtiger machen sollen, vergessen sie alles um sich herum.

2019 kämpft Merli erneut um die Europameisterschaft; die Verteidigung des italienischen Titels fällt womöglich dem Rennkalender zum Opfer – zu viele Überschneidungen gibt es in diesem Jahr. Die ersten fünf europäischen Rennen mit fünf Gesamtsiegen und vier neuen Streckenrekorden verheißen abermals Großes. Sein Osella FA 30 wird übrigens am Uphöfener Berg nicht der einzige sein. Einen weiteren fährt der Vorjahresdritte, Christoph Lampert aus Österreich. Wer ihn betreut? Kein Geringerer als der vielseitige, unermüdliche Christian Merli mit seinem Team.

Text: Ruth Scheithauer, MSC Osnabrück

Über Thomas Bubel 385 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.