Porträt Marcel Steiner: «Titelverteidigung ist das Ziel»

An diesem Wochenende fällt in Hemberg der Startschuss zur diesjährigen Schweizer Bergmeisterschaft. Oder wie Titelverteidiger Marcel Steiner sagt: «Endlich geht es los!» Der bald 44-jährige Marcel Steiner aus Oberdiessbach in der Nähe von Thun gehört inzwischen zu den Urgesteinen im Schweizer Motorsport. Seit 1996 fährt Steiner Autorennen. Seit 2004 ausschließlich am Berg. Den Virus hat er von Vater Heinz geerbt, der ebenfalls Bergrennen fuhr. «Ich bin mit meinem Vater ab 1984 mitgegangen», erinnert sich Steiner jr. «Selber fing ich erst Anfang der Neunzigerjahre an – im Kartsport.» Steiner erinnert sich, dass die Felder damals noch deutlich größer waren als heute. «Man musste sich fürs Finale qualifizieren», lacht Marcel. «Das war bei 70 Teilnehmern nicht immer einfach.» An die große Karriere habe er damals nicht viel Gedanken verschwendet. Spaß habe es gemacht, «das war wichtig. Die Formel 1 war für mich immer sehr weit weg.» Gegen eine Profikarriere hätte Steiner allerdings nichts einzuwenden gehabt. Aber die Mittel waren beschränkt. An eine Ausscheidung in Nogaro erinnert er sich, als wäre es gestern geschehen. «Ich musste in einem Formel Renault gegen Neel Jani antreten und ich bin heute noch überzeugt, dass ich nur als Referenz herhalten mußte.»

Statt Tourenwagen-WM oder -EM, wo Steiner gerne mal gefahren wäre, landete er über die Sports Car Challenge in Vaters Fußstapfen. Die Umstellung von der Rundstrecke an den Berg brauchte Zeit. Ein Jahr, meint Steiner aus heutiger Sicht. Der Weg nach Deutschland und die dortigen Erfolge  (u.a. Deutscher Meister 2008) ebneten ihm den Weg nach oben. «Vier Jahre Deutsche Meisterschaft war eine gute Schule», sagt Steiner. «Da habe ich viel gelernt; nicht nur was das Fahren betrifft.» Zahlreiche Pokale in Steiners Honda-Garage in Oberdiessbach erinnern an diese Zeit. Besonders gute Erinnerungen hat der Berner an Mickhausen 2012. Damals schlug Steiner den zuvor jahrelang ungeschlagenen Simone Faggioli zum ersten Mal. «Und das gleich in beiden Läufen. Das war eine große Genugtuung.» Auch Glasbach 2013 ist eines der Rennen, das Steiner nie vergisst. «Die Konkurrenz war groß – mit Faggioli, Ducommun und Volluz. Ein neuer Streckenrekord lag in der Luft. Und ich unterbot ihn um drei Sekunden.» Zu diesem Zeitpunkt hatte Steiner schon drei Schweizer Meistertitel im Sack – 2010, 2011 und 2012. Den lupenreinen Hattrick kann Steiner in dieser Saison wiederholen. 2017 und 2018 sicherte sich Marcel die Titel Nummer 4 und 5. «Die Titelverteidigung ist das Ziel», sagt er. «Wo wir genau stehen, ist aber schwierig abzuschätzen. Wenn das Auto von Eric (Berguerand) läuft, dann wird er ein harter Brocken werden. Und auch Joël ist sehr schnell. Außerdem hat er mehr getestet als wir.»

Steiner hat – abgesehen von einem Test auf der Rundstrecke von Bresse – lediglich ein Vorbereitungsrennen bestritten: in Eschdorf Anfang Mai; teilweise bei Schneefall. «In Anbetracht dessen, dass Eschdorf nicht zu meinen Lieblingsstrecken gehört und das Wetter wahrlich auch nicht der Jahreszeit entsprach, lief es sehr gut. Ich war in allen drei Läufen Schnellster und habe mich im Auto wohl gefühlt.» Steiner geht in diesem Jahr in seine vierte Saison mit dem LobArt LA01 Mugen V8. Jahr für Jahr gibt es Verbesserungen. Zuletzt im Bereich Übersetzung und Sicherheit. «Wir haben dem Auto einen neuen Kopfschutz verpasst. So wie ihn auch Faggioli im Norma hat.» Sicherheit ist für jeden Bergrennfahrer ein Thema. Und fast jeder macht einmal in seiner Karriere Bekanntschaft mit den Tücken der teilweise ultraschnellen Strecken. Steiner hatte «seinen» Unfall 2013 in Les Rangiers. An derselben Stelle, an der 2010 der französische Bergkönig Lionel Régal verunglückte. «Ich war damals nicht schneller unterwegs als im Training», erzählt Steiner. «Der einzige Unterschied: Ich habe an der Stelle noch vom fünften in den sechsten Gang geschaltet. Dadurch hat der Wagen, ein Osella FA30, versetzt und ich bin ins Bord geknallt.» Steiner blieb unverletzt – trotz 230 km/h Einschlaggeschwindigkeit und einer Verzögerung von 12 ½ g nach vorne. «Ich war motiviert und wollte unbedingt vor den Jungen ins Ziel kommen», sucht Steiner nach Erklärungen, der danach drei Jahre nicht mehr nach Les Rangiers ging. «Als ich mit dem LobArt zum ersten Mal dort fuhr, verhielt sich dieser sehr bockig. Ich bin vorsichtshalber vom Gas.» Inzwischen, so Steiner, nimmt er die Passage «fast» wieder voll.

Und wie lange fährt Marcel Steiner noch den Berg hoch? Die Antwort kommt postwendend. «Solange es Spaß macht und wir es uns leisten können, mache ich weiter.» Auf das, was er erreicht hat, ist er stolz. «Seit ich dabei bin, sah ich viele Fahrer kommen und gehen. Ich bin immer noch dabei. So schlecht kann ich es also nicht gemacht haben.»

von Christian Eichenberger / ASS

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Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.