Porträt Joël Volluz: «Jeder Fehler kann ins Auge gehen»

Auch wenn die Schweizer Berg-Saison 2019 ohne Joël Volluz begann, ist der junge Walliser ein ernstzunehmender Titelkandidat. Schon drei Mal war er Schweizer Vizemeister. Joël Volluz ist das Nesthäkchen unter den drei Titelaspiranten 2019 in der Schweizer Bergmeisterschaft. Mit seinen 27 Jahren drückt er den Schnitt am Berg nach unten. Zum Vergleich: Marcel Steiner wird demnächst 44, Eric Berguerand ist eben erst 40 geworden. Doch das Alter scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen. Was Steiner und Berguerand mit ihrer Erfahrung herausholen, versucht «Jojo» mit seinem Speed wettzumachen. Dass er in dieser Saison auf die ersten beiden Rennen in Hemberg und Reitnau verzichtet, ist aus Sicht der Fans bedauerlich. Umso mehr dürfen sich diese freuen, wenn Volluz ab dem dritten Lauf in Massongex (oder spätestens in Anzère am 26./27. Juli) eingreift. «Ich weiß, dass ich mir dadurch einen Nachteil einhandeln kann», sagt Volluz, «aber ich bin überzeugt, dass man mit Top-Ergebnissen immer noch eine Chance auf den Titel hat.»

Volluz stammt aus einer rennverrückten Familie. Patenonkel Jean-Daniel Murisier, ein früherer Bergcupsieger, hat u.a. neun Mal das Bergrennen von Ayent-Anzère gewonnen. Vater Georges war sein Mechaniker. Daher ist es nicht erstaunlich, dass Joël schon im Alter von vier Jahren im Kart saß. Allerdings, so der Mann aus Châble habe er nie wirklich eine ganze Saison absolviert. «Das Vergnügen stand im Vordergrund», so Volluz. Immerhin: 2004 war er Champion de la Romandie. Danach schnupperte Joël für kurze Zeit sogar internationale Rennluft. Den Grundstein dazu legte er 2008 mit dem Gewinn der Formel Lista Junior. Dank diesem Titel kam er zu zwei Einsätzen in der damaligen Formel BMW Europa – als Ersatz bei DAMS in Hockenheim und Monza. «Das war eine tolle Erfahrung. Aber mir war rasch klar, dass wir auf dieser Schiene nicht weiterkommen. Es war sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, Sponsoren zu finden.» Volluz fuhr auf nationaler Ebene noch diverse Rennen in der LO Formel Renault, wechselte dann aber in die Schweizer Slalommeisterschaft. Dass er parallel stets die Bergmeisterschaft verfolgte, gefiel den Eltern anfangs gar nicht. Doch Joël vermochte sie zu überzeugen und so startete er 2010 erstmals am Berg – zuerst mit einem Tatuus 2.0, ab 2011 mit einem Reynard 95D Formel 3000 und ab 2013 mit einem Osella FA30. «Ich wusste, dass ich mir Zeit geben musste», sagt Volluz. «Denn Bergrennen sind anders als Rundstreckenrennen. Jeder Fehler, jeder Defekt, kann ins Auge gehen.»

Volluz weiß, wovon er spricht. 2016 ist er wie Berguerand (2007) und Steiner (2013) in Les Rangiers verunfallt. Wie durch ein Wunder kam Volluz mit dem Schrecken davon. Sein Osella glich einem Totalschaden. «Wir konnten nur noch den Motor retten», erinnert sich Joël, der nach dem Unfall auf eine Visite im Krankenhaus verzichtete. «Ich bin erst am Tag danach zum Arzt», so Volluz, «weil mir der Schädel brummte.» Schuld am Unfall mit 260 km/h trifft ihn keine. Ein Verbindungsstück zwischen Dämpfer und hinterer Radaufhängung sei gebrochen, erzählt Volluz. Auch wenn der Unfall für Volluz glimpflich abgelaufen ist, dauerte es zwei Jahre, ehe der junge Mann aus dem Val de Bagnes sein Comeback gab. Ausgerechnet in Les Rangiers kehrte Volluz 2018 zurück. Zuerst als Demofahrer, ab Oberhallau wieder im Feld der schnellen Sportwagen. «Ich habe zwei Rennen gebraucht, um wieder in den Rhythmus zu kommen.»

Ziel von Volluz ist es, irgendwann den Schweizer Meistertitel zu gewinnen. Drei Mal ist er schon Vizemeister geworden: 2011, 2012 und 2015. Zwei Mal stand ihm Steiner vor der Sonne, einmal Berguerand, der ihn zu Kartzeiten noch gecoacht hatte. Volluz ist gelernter Mechaniker – so wie Berguerand und Steiner. Wann immer es die Freizeit zulässt, schraubt er an seinem Sportwagen. Die letzten Wochen waren diesbezüglich ziemlich streng für den «Juniorchef» der Garage Gérard Volluz in Vollèges, fünf Autominuten von Le Châble. Volluz hat als Vorbereitung auf die neue Saison gleich mehrere internationale Rennen absolviert. Zuerst Abreschviller (Frankreich), in Eschdorf (Luxemburg), dann in Falpera (Portugal – «23-stündige Anreise») und zuletzt in Sternberk (Tschechien). Dabei ist Volluz immer besser in Fahrt gekommen. Zuletzt in Tschechien sicherte er sich Rang 3. Auf den «Großen» Faggioli verlor er pro Lauf nur 3,5 Sekunden – eine starke Ansage.

Sein Hobby finanziert er wie viele seiner Konkurrenten durch sehr viel Fleiß im Job. Überstunden und Extraeinsätze als Garagist sind an der Tagesordnung. Alles, was nicht für den täglichen Bedarf abgezweigt werden muss, fließt in den Rennsport. Zusätzliche Geldquellen zu finden, sei eine heikle Aufgabe. «Es spielt keine Rolle, ob du für nationale oder internationale Anlässe Sponsoren suchst», sagt Volluz. «Beides ist schwierig.» Der Unterschied: «Wenn du für die Bergrennen einmal ein Auto hast, sind die Kosten pro Saison überschaubar.» Mit 20’000 Schweizer Franken, so Volluz, komme er über die Runden. Sein Osella allein ist 200’000 Franken teuer. Doch in den Augen von Volluz ist er jeden Rappen wert. «Ein so gutmütiges Auto hatte ich in meiner ganzen Karriere noch nie.»


von Christian Eichenberger / ASS

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Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.