Vorschau: Stark besetzte Schweizer Bergrennen

So spät wie in keinem anderen Land beginnt die Bergmeisterschaft in der Schweiz. Den Anfang macht Hemberg am 16. Juni, danach folgen Reitnau am 30. Juni, Massongex am 7. Juli, Ayent–Anzère am 28. Juli, St-Ursanne–Les Rangiers am 18. August (auch Lauf zur EBM), Oberhallau am 25. August (wo auch der KW-Berg-Cup fährt), Gurnigel am 8. September und Châtel-St-Denis–Les Paccots am 15. September. Einen Vorteil hat der späte Saisonbeginn im Sommer: Die Spezialisten konnten sich bei Bergrennen im Ausland oder bei der ebenfalls populären und von etlichen Piloten parallel bestrittenen Slalom-Meisterschaft warm fahren.

Als Titelverteidiger tritt Marcel Steiner mit seinem LobArt-Mugen LA01 an, einem Exoten unter den Rennsportwagen. Da sie von den Italienern kaum Hilfe bekommen, verbessert Steiner Motorsport den in der Gruppe E2-SC bis 3000 eingeteilten Sportwagen von Saison zu Saison selbst. Auch der bald 44-jährige Inhaber einer Automobil-Werkstätte in Oberdiessbach im Berner Oberland wird immer besser, was seine Streckenrekorde untermauern. Dass Steiner nach der Winterpause sofort in Form kam, bewies der Tagessieg in Eschdorf über Leute wie Sébastien Petit, Guy Demuth und Landsmann Joël Volluz. «Aufgrund von Petits Übung bei den ersten Rennen 2019 und dem letztjährigen Saisonverlauf, als er in Osnabrück und Gubbio klar vor mir lag, war das nicht unbedingt zu erwarten.  Mit einem neuen KW-Fahrwerk macht das Fahren nun noch mehr Spaß. Daher freue ich mich auf die Schweizer Bergrennen.» Als deutsche Bergrennen hat Steiner im August Osnabrück und nach Abschluss der Schweizer Saison Mickhausen in seinem Programm.

Steiners härtester Gegner wird Eric Berguerand sein, der ebenfalls schon fünf SM-Titel bei den Rennsportwagen auf seinem Konto hat. Der Walliser hat seinen Eigenbau-Lola auf Basis eines früheren Formel 3000 nun mit weiteren Karosserieteilen von Force India F1 modifiziert. Nachdem er 2018 mit einem F1-Frontspoiler einen Entwicklungssprung gemacht hatte, kommen nun entsprechende Flanken und ein Heckflügel aus der Formel 1 hinzu. Nach Berguerands Rekordfahrten bei den letzten zwei Schweizer Bergrennen 2018 am Gurnigel und in Les Paccots darf man auf seine Zeiten besonders gespannt sein. Im Gegensatz zu Steiner ist Hemberg sein erstes Saisonrennen 2019. Ob dies ein Nachteil ist, wird man sehen. Mit Thomas Amweg (Lola-Cosworth) und Robin Faustini (Reynard-Mugen) sind zwei weitere schnelle Piloten mit V8-Rennwagen aus der Klasse E2-SS bis drei Liter bereits ab dem Saisonauftakt am Start. In den Kampf zwischen Berguerand und Steiner um den Tagessieg werden sie bei normalen Bedingungen aber kaum ein Wort mitreden.

Viel eher ist dies Joël Volluz zuzutrauen. Drei Jahre nach seinem schweren Unfall mit über 250 km/h in der berüchtigten Kurve «Les Grippons» unterhalb der Autobahnbrücke von St. Ursanne fühlt sich Volluz am Steuer des wieder aufgebauten Osella FA30-Judd (Foto oben) gut in Form. Vorbereitet hat er sich mit Starts in Abreschviller, Eschdorf, Falperra und Ecce Homo, wo er den sehr guten vierten Gesamtrang hinter den Italienern Christian Merli, Simone Faggioli und Diego Degasperi erzielte. In der Schweizt tritt er aber frühestens beim ersten der beiden Heimrennen in Massongex und dann sicher in Anzère an. Den Meisterschaftsdruck will sich der dreifache Vizemeister noch nicht auferlegen, aber mit Top-Resultaten könnte es trotzdem für einen guten Gesamtrang reichen. Im Titelkampf ist Volluz sicher das Zünglein an der Waage.

Die übrigen Sport- und Rennwagenpiloten spielen diesbezüglich kaum eine Rolle, sorgen jedoch in ihren Klassen ebenfalls für besten Bergrennsport. So etwa Marcel Maurer (Tatuus-Renault), der im Vorjahr nach den Ausfällen der Favoriten überraschend den Tagessieg in Massongex eroberte, Christian Balmer und Joël Grand ihren Tatuus-Honda Formula Masters, Philip Egli im Dallara EPR-1 (bei den Slaloms 2019 noch ungeschlagen, kommt er aber nur sporadisch) und Michel Zemp, der vom Seat Cupra TCR auf einen Norma M20 FC in die E2-SC-2000 umgestiegen ist.

In der Bergmeisterschaft der Tourenwagen wird es sicher einen neuen Champion geben. Frédéric Neff wird den Titel von 2017 und 2018 mit seinem Porsche GT3 R sicher nicht verteidigen und vermehrt in Frankreich und anderen Nachbarländern fahren. Er protestiert gegen die Ankündigung der Sporthoheit, das Reglement der Gruppe Interswiss im Laufe des Jahres durchsetzen zu wollen. Während sein Auto, wie er versichert, der Gruppe IS entspricht, ist dies bei vielen Konkurrenten, vor allem mit den Opel Kadett C GT/E und VW Golf, nicht der Fall. Nur Anzère und St. Ursanne hat Neff in seinem Schweizer Programm.

Logischer Titelfavorit wäre demnach Ronnie Bratschi mit seinem optimalen Mitsubishi Evo VIII. Wie bei seinen direkten Konkurrenten Roger Schnellmann (Goldmedaillengewinner bei FIA Hill Climb Masters 2018) und Thomas Kessler (Foto Mitte) auf ähnlich starken Mitsubishi gilt es zunächst, überall die drohende Technikhexe zu besiegen. Fahrerisch kann Bratschi aus der Reihe der Fahrer mit PS-starken Boliden ohnehin nur Reto Meisel das Wasser reichen, doch hat der Meister von 2016 mit dem nur in der Schweiz in der Gruppe E1 zugelassenen Mercedes SLK 340 (international nur E2-SH) kein Interesse mehr an einer kompletten SM-Saison. Schade, aber verständlich, dass er lieber bei vereinzelten Starts im Ausland seine Show abzieht, wo er viele Fans hat und ihm die Veranstalter den roten Teppich legen.

Da alle Tourenwagen in verschiedene Divisionen eingeteilt werden, könnte der Meister auch aus einer anderen Gruppe kommen. Andy Feigenwinter siegte 2018 mit seinem Lotus Exige 430 Cup bei allen Bergrennen, hatte aber zweimal nicht mindestens sieben Konkurrenten in der Gruppe SuperSerie. Ansonsten wäre der Titel an ihn gegangen. Dieses Jahr hat Feigenwinter nicht nur das Handikap, dass dieses Damoklesschwert abermals über ihm hängt. Er wird auch bei zwei, drei Rennen von Dino Wintsch in einem identischen Modell geprüft. Bei Slaloms und Bergslaloms im Vorarlberg ungeschlagen, sind reine Bergrennen für Wintsch Neuland.

Diesem in Hemberg beginnenden Lotus-Duell darf man also mit Spannung entgegensehen, ebenso den vielen Auseinandersetzungen in anderen gut besetzten Klassen. Bei Teilnehmerzahlen von stets 160 bis zu 250 Startenden ist überall für besten Bergrennsport gesorgt. Aktuelle Vorschauen, Berichte und Analysen zur Schweizer Bergmeisterschaft und anderen Disziplinen liest man auf der Homepage von AutoSprintCH und der Facebook-Seite des Autors.

von Peter Wyss

Über Thomas Bubel 333 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.