Merli führt nach Rechberg erstmals die EM an

Die diesjährige Saison in der Berg-Europameisterschaft verspricht hochinteressant und spannend zu werden – dass mit Sicherheit mehr als in den Vorjahren. So lautet die Erkenntnis nach dem zweiten von zwölf Rennen der EBM vom vergangenen Wochenende am österreichischen Rechberg.

Das traumhafte Frühlingswetter lockte die Fans in großen Schaaren ins steirische Almenland. Und auf den Wiesen und Almen entlang der rund 5 km langen klassischen Bergrennstrecke verlebten die Zuschauer einen herrlichen Renntag. Nur wenigen Unverbesserlichen stiegen die Unvernunft und der Alkohol zu Kopf, die dann von der Polizei aus den Sperrzonen entlang der Rechberg-Bundesstraße geholt werden mussten. Diese war im Vorfeld, von Posten 3 bis Posten 16 neu asphaltiert worden. Dass noch ein recht frischer Belag zuweilen rutschig sein kann, mussten einige Piloten am eigenen Leib erfahren, darunter auch der Tscheche Dan Michel (Lotus Elise) und der Schwarzwälder Alexander Hin. Beiden drehte es bei Highspeed den „Hintern weg“ und sie krachten in die Betonelemente. „Leider kein Glück am Rechberg für uns“, resümierte Hins Team-Chef und Konstrukteur Emanuel Pedrazza. „Alex verlor unseren PRC S4 ITC beim anbremsen der Puntigammer Kurve mit über 225 km/h. Obwohl das Fahrzeug eine 14 Jahre alte Konstruktion ist hat der PRC S4 mit Alex Hin zuvor gezeigt, dass wir mit Ausnahme von Merli und Faggioli mithalten können. Wir werden reparieren und schnellstmöglich zur nächsten Attacke blasen“.

Die bereits angesprochenen „Italo-Stars“ Christian Merli im Werks-Osella FA 30 und Simone Faggioli im Werks Norma M20 FC bestimmten die beiden Rennläufe am Sonntag in gewohnter Art und Weise. Wie schon ein Wochenende zuvor am französischen Col St. Pierre musste Faggioli seinen Landsmann überraschender Weise ziehen lassen. Vor Wochenfrist gab ein seltener Fahrfehler den Ausschlag zu Gunsten Merlis. Diesmal war es aber unverkennbar Merlis blendende Form, die schlussendlich zum deutlichen und dritten Rechberg-Gesamtsieg in Folge des Südtirolers führte. Ganze 6,5 Sekunden Poster sprechen eine deutliche Sprache. Nach dem ebenfalls überraschenden Tagessieg am Col St. Pierre des französischen Meisters Sebastien Petit im Norma M20 FC, war man auch am Rechberg auf dessen Abschneiden gespannt. Das Team Petit Autosport plant insgesamt an acht Läufen der aktuellen Berg EM teilzunehmen und kann so zum Kreis der Titelanwärter gezählt werden, zumal Faggioli wegen seines Starts am Pikes Peak in den USA mindestens einen EM-Laufen auslassen muss und sich somit keine weiteren Patzer mehr leisten kann. Christian Merli muss am 22. Mai nochmals in Slowenien vor Gericht erscheinen, wo weiter die Geschehnisse um den letztjährigen EM-Lauf von Ilirska Bistrica und dessen Rennleiter verhandelt werden. Hier könnten Unwegsamkeiten Merlis Titelrennen gefährden – was ein Jammer wäre. In der Steiermark plagten Petit jedoch Elektronikprobleme am Mugen V8-Triebwerk. So wurde Seb auf Platz 5 unter Wert geschlagen.

Einen sehr ansprechenden Saisonstart konnte der Schweizer Marcel Steiner für sich und sein Team verbuchen und scheint bereits gut gerüstet zur heimischen Titelverteidigung. Der LobArt Mugen V8 lief wie ein Schweizer Uhrwerk und beförderte seinen Piloten auf Gesamtrang 3. Wie am Col St. Pierre war der junge Vorarlberger Christoph Lampert in seinem über den Winter neu erworbenen italienischen Meisterfahrzeug von Domenico Scola der „Newcomer des Tages“. In seinem Osella FA 30 Zytek genießt Lampert die Unterstützung von Christian Merli und seinem Blue City-Team. Nach Rang 5 vor einer Woche, steigerte sich Lampert am Rechberg auf Gesamtrang vier und lässt für die Zukunft einiges erhoffen.

In der Zwischenwertung führen aktuell die beiden Italiener Merli und Andrea Bormolini die EM-Tabelle mit jeweils 50 Punkten an. Andrea Bormolini, Neffe von Fausto, gewann im Osella PA 20S zum zweiten Mal die CN-Gruppe. Sieben Zähler zurück rangiert Faggioli, drei weitere Petit. In der EM-Kategorie 1 der Tourenwagen und GT führt nach einem weiteren Sieg in der Gruppe GT der junge Franzose Pierre Courroye im McLaren MP4-12C GT3.

Wieder einmal aufs Neue zum Staunen brachte der Österreicher Karl Schagerl die Massen in seinem VW Golf Rally TFSI-R. Auf Tagesrang 10 steuerte Schagerl seinen Boliden zum übermächtigen Tourenwagen-Gesamtsieg. Beiläufig sprang ein weiterer neuer Gruppe E1-Rekord heraus. Ganze zwei Sekunden ging es für den Autohausbetreiber schneller den Berg „aufi“ als im Vorjahr an dieser Stelle. Dennoch stand am Ende dem sympathischen Team aus Niederösterreich der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Karl kam im zweiten Lauf kurz vor dem Ziel auf einer abgestreuten Ölspur ins Straucheln, „baute“ die Zeitmessung ab und rutschte über eine Wiese. Einige Schäden trug der Golf zwar davon aber es hätte bei Leibe schlimmer ausgehen können.

Neben Alexander Hin kamen aus Deutscher Sicht Pascal Ehrmann (Peugeot 207 RC) auf Rang 124 und Altmeister Helmut Maier im VW Spiess Golf als dritter der E1-Klasse bis 1600 ccm ins Ziel. Der aus dem Deutschen KW Berg-Cup bekannte Tiroler Tom Strasser siegte gar in der 2-Literklasse der Gruppe E1 mit seinem VW Minichberger Scirocco 16V.

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Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.