FIA erwägt revolutionär neue Fahrzeugeinteilung in Performance-Klassen

Eine ambitionierte Reform der zahllosen Klassen- und Gruppeneinteilungen der Rennfahrzeuge bei nationalen und internationalen Bergrennen auf Basis des „Performance Factor Konzepts“ wird in der Saison 2018 von der FIA erprobt.

In aller Bescheidenheit ist der Bergrennsport eine von wenigen Motorsportarten, die sich noch rühmen kann, zu den Menschen vor Ort zu kommen und offen zugänglich zu sein. Das durchschnittliche Niveau der Teilnehmerzahlen am Berg ist hoch. Ungewöhnlich ist es nicht, dass mehr als 150 Teilnehmer, oder sogar an die 200 Autos, an die Startlinie der gleichen Veranstaltung rollen. Die Magie dieser traditionellen Disziplin verzaubert weiterhin. Für die Fahrerinnen und Fahrer ist die Herausforderung zwar meist kurz, aber dafür intensiv und anspruchsvoll, und für das Publikum ist das hautnahe Spektakel einzigartig, aber auch die Vielfalt der konkurrierenden Autos ist ansprechend. Im Bergrennsport ist daher eine Standardisierung und Einteilung  von Rennfahrzeugen nicht so einfach, wie in vielen anderen Disziplinen. Das heißt, die Stärke dieser Motorsportspielart kann manchmal auch eine Schwäche sein. Die Vielfalt der Autos, die bei Bergrennen antreten, machen die Regularien für alle Beteiligten, ob Fahrer, Organisatoren, Sport- und Technikkommissare, Medien oder Zuschauer, sehr komplex. Gerade für letztere ist es schwierig da den Durchblick zu behalten.

Zum einen leiden Bergrennserien und Meisterschaften, die ausschließlich auf den FIA-Homologationsgruppen N, A, R, GT usw. basieren, wie beispielweise die FIA​​-Europameisterschaft, unter einem großen Mangel an zugelassenen Fahrzeugen, weil die Hersteller derzeit nur selten ihre Modelle in den FIA-Gruppen homologieren lassen. Auf der anderen Seite hat die große Offenheit und die zahlreichen nationalen Reglements der jeweiligen ASN immer ein großes Fahrerfeld garantiert. Aus diesem Grund kombinieren viele Veranstalter mehrere Wettbewerbe – zum Beispiel sind alle Veranstaltungen der Europameisterschaft mit einer oder mehreren nationalen oder regionalen Meisterschaften verbunden – und jeder dieser Wettbewerbe hat seine eigenen Ergebnisse. Das ein und dasselbe Auto kann sich in verschiedenen Kategorien und Klassen einer Meisterschaft wieder finden. Eine Reform ist überfällig!

Um dieser Situation zu begegnen, hat die FIA ​​Bergrenn Kommission mit Unterstützung der technischen Abteilung eine eingehende Überprüfung vorgenommen, deren Hauptziel die Entwicklung von Regeln ist, die so umfassend und praktisch wie möglich sind. So entstand das Projekt „Performance Factor“ – kurz „Pf“.  Die Schaffung eines gemeinsamen technischen Rahmens, der die Einbeziehung einer maximalen Anzahl von Fahrzeugen ermöglicht, ist das Ziel. Mit Ausnahme von Hybrid- und Elektroautos sind alle Fahrzeuge mit einem Verbrennungsmotor von weniger als 6.500 ccm Hubraum zulässig, sofern sie den Mindestsicherheitsstandards gemäß dem aktuellen FIA-Anhang J entsprechen. Dies ist der Fall, wenn die Fahrzeuge homologiert sind oder für Fahrzeuge, deren Homologation abgelaufen ist, Autos aus Markenpokalen oder nationalen und internationalen Serien, einschließlich solcher, die kurz davor gebaut oder darüber hinaus modifiziert wurden. Die Herkunft des Autos oder der Grad der Vorbereitung oder Änderung spielt keine Rolle. Das Pf-Konzept ist als generell offen. Es soll alles so einfach wie möglich sein. In der Tat werden Fahrzeuge nach dem Pf-Faktor einfach nach einem Verhältnis von „Gewicht / Leistungsfaktoren“ klassifiziert, in dem die Leistungsfaktoren leicht messbare physikalische Kriterien sind, die auf fünf Elementen basieren: Gewicht, Motor, Aerodynamik, Übertragung und Chassis-Struktur.

In der Praxis wird jeder Teilnehmer gebeten, ungefähr 30 Werte aus seinem Rennfahrzeug in eine mathematische Formel einzugeben. Er wird gebeten, dies kostenlos über eine Online-Bewerbung (diese wird in Zukunft als mobile Anwendung verfügbar sein) zu tun. Die mathematische Formel wird somit eine Zahl berechnen, die dem Leistungsfaktor oder dem „Pf“ des Wagens entspricht. Dieser Pf-Wert bestimmt die Klasse, in der das Auto konkurrieren muss. Diese Werte sind in einer Datenbank gespeichert, die den Fahrern, Organisatoren und Technischen Kommissaren zugänglich ist. Wenn der Fahrer zwischen zwei Rennen Änderungen an seinem Fahrzeug vornimmt, muss er lediglich das technische Datenblatt seines Autos in der Datenbank aktualisieren.

Die Einteilung der Fahrzeuge bei Bergrennen wird dadurch wesentlich erleichtert und vereinfacht: Statt wie heute auf 15, 20 oder 25 Gruppen und Klassen verteilt, werden die Renn-Fahrzeuge nach ihrem Pf-Wert in fünf oder sechs Klassen eingeteilt, ohne die derzeitigen Unklarheiten. Die regulatorische Freiheit, die das Pf-Konzept beinhaltet, vermindert nicht nur die Arbeitsbelastung für die Technischen Kommissare, sondern passt perfekt zum vorherrschenden Geist des Bergsteigens auf vier Rädern, bei dem die Fahrer und Teams auch ihren Einfallsreichtum und ihre Originalität bei der Vorbereitung der Autos zum Ausdruck bringen.

Die Stärken des „Pf-Konzepts“ besteht darin, dass es mit diesem wirklich innovativen technischen Ansatz ermöglicht wird dem Bergrennsport neues Leben einzuhauchen, ohne die aktuellen Autos auszugrenzen. Im Gegenteil, es könnte dank dieses einzigartigen technischen Rahmens, der möglicherweise allgemein gültig und universell werden könnte, wenn alle nationalen Sporthoheiten und Automobilclubs sich dafür entscheiden, das Feld der zugelassenen Fahrzeuge innerhalb einer jeden Bergrennveranstaltung zu steigern.

2018 wird das Konzept eine Testphase im Rahmen der Berg-Europameisterschaft mit der Einführung von virtuellen Klassifikationen unter Verwendung der Pf-Klassifikation während dreier FIA-Veranstaltungen beginnen. Bei allen anderen EBM-Wettbewerben der Saison werden die FIA-Offiziellen anwesend sein, um die Organisatoren und die lokalen Sportwarte zu informieren. Sie werden die Fahrer auch auffordern, die technischen Merkmale ihres Fahrzeugs zu deklarieren, um das Pf-Konzept kennen zu lernen und den effektiven Übergang zu diesem neuen Klassifizierungssystem zu antizipieren, sodass hoffentlich die Ausgabe 2019 der Berg-EM nach der neuen Einteilung gefahren werden kann.

Im aktuellen Stadium zielt die Anwendung des Konzepts auf die sogenannten geschlossenen Autos – Tourenwagen, GT- und Silhouette-Autos – ab, doch sollte es in Zukunft möglich sein ein ähnliches System für die offenen Rennsportfahrzeuge zu entwickeln und umzusetzen.

Info-Flyer der FIA in Deutsch: https://www.fia.com/file/66602/download?token=EnzYs_mt
Web: www.fia.com/pf

Über Thomas Bubel 187 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.