60 Jahre MC Heilbad Heiligenstadt

In diesem Jahr häufen sich die runden Jubiläen der Veranstaltervereine der Deutschen Automobil Bergmeisterschaft. Der MSC Rhön, als Ausrichter des Hauenstein-Bergrennens kann in diesem Jahr genauso seinen 50. Geburtstag feiern, wie der Homburger Automobilclub als Veranstalter des Homburger Bergrennens. Ganze 60 Jahre jung wird in diesen Tagen der MC Heilbad Heiligenstadt. Der Veranstalter des Ibergrennens kann auf eine bewegte Geschichte zurück blicken.

Am vergangenen zweiten Samstagabend im März öffneten sich die Türen des Eichsfelder Kulturhaus zu einem Festakt mit zahlreichen geladenen Gästen. In diesem festlichen Rahmen gab es mehr zu feiern, als den 60. Geburtstag des Motorsportclubs Heilbad Heiligenstadt im ADAC, denn im Eichsfeld wird bereits seit 1923 Motorsport betrieben. „Damals“, erläuterte  Hermann Ludolph, war das Automobil noch jung. Auch Motorräder gaben es noch nicht lange, gaben es bereits die ersten Fans der knatternden Zweiräder in der Stadt, die gemeinsam nach Höherem strebten. „Das Ergebnis ihrer Arbeit war die Ausrichtung von insgesamt vier Bergrennen, die in den Jahren 1925 bis 1929 stattfanden und ausschließlich den Motorrädern vorbehalten waren“, berichtete der Vorsitzende des MC aus den Analen. Doch das Bergrennen schlief wieder ein, als die Rezession kam. Noch heute tauchen vereinzelt alte Programmhefte der Veranstaltungen, quasi als Zeitzeugen auf. Die werden im Club wie ein Schatz gehütet. Darauf folgten die NS-Zeit und der Wiederaufbau nach dem Kriege. „Das waren schwere Zeiten und an Rennsport war da nicht mehr zu denken.“

Doch bereits Ende der 1940er-Jahre keimte leise ein neues zartes Pflänzchen. Wieder war es eine Hand voll Motorradfahrer. Willi Degenhardt, Karl Weber, Klaus Kanngießer, Hans Althoff und Josef König waren bald bei den ersten großen Rennen erfolgreich, die damals in der sowjetischen Besatzungszone gefahren wurden. „Eigentlich waren es Aloys König und Werner Poppe, die als treibende Kräfte hinter dem organisierten Motorsport standen“, blickt Hermann Ludolph voller Respekt auf die Gründungsväter zurück, die die Sektion Motorrennsport ins Leben riefen.

In den Abendstunden des 28. März 1958, als genau heute von 60 Jahren, geschah es im Saal des Hotels „Eichsfelder Hof“ in der Heiligenstädter Wilhelmstraße, dass die Sektion Motorrennsport dem ADMV, also dem Allgemeinen Deutschen Motorsportverband, beitrat und damit den „Motorsportclub Heiligenstadt im ADMV der DDR“ aus der Taufe hob. Erster Vorsitzende wurde – man musste sich den politischen Gepflogenheiten beugen, denn die Nominierung für diesen Posten hatten die Bezirksleitung des ADMV und die SED festgelegt – Erwin Retzlaff vom Rat des Kreises. Den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden bekam Walter Müller auf Vorschlag von Werner Poppe, obwohl Poppe ihm noch nie begegnet war. Müller war zwar auch Funktionär des Rates des Kreises, genauer gesagt dessen stellvertretender Vorsitzender, gehörte aber wenigstens der CDU an. Die Festrede hielt damals der Vorsitzende der ADMV-Bezirksleitung, der alles, was politisch gesagt werden musste, auch vorbrachte. Als aber Retzlaff in seiner ihm vorgefertigten Rede alle politischen Themen noch einmal langwierig ausführte, verließen einige ältere Sportfreunde demonstrativ den Saal. Doch Retzlaffs Vorsitz dauerte nur einen Tag, denn er ließ sich nach dem Abend nie wieder blicken. Der heimliche Wunschkandidat der Motorsportler, Walter Müller, rückte daraufhin nach. Insgesamt sollte der Club im Laufe der ersten 15 Jahre seines Bestehens elf ­K-Wagen- Rennen (heute Go-Kart-Rennen), ausrichten. Nach und nach widmete man sich auch akribisch den Motocross-Rennen. Dafür zeichneten die Brüder Walter und Rigobert Althaus sowie Dietrich Sobeck verantwortlich.

Es folgten DDR-Meistertitel, sogar die Teilnahme an Rennen im westlichen Ausland wurde genehmigt. „Allerdings nur in Begleitung eines linientreuen Funktionärs, der dafür zu sorgen hatte, dass auch alle Sportler wieder in die DDR zurückreisten“, weiß noch Friedhelm Ferner, der Vorgänger vor Ludolph. Von den Mitte 60er bis Mitte 70er Jahren existierte in Heiligenstadt sogar eine Frauensportgruppe, die stets zwischen 15 und 20 Damen zählte und aktiv Motorsport betrieb. Daneben riefen die umtriebigen Heiligenstädter Sportler die Eichsfeld-Veteranenrallye ins Leben, die 1972 zum ersten Mal stattfand.

Doch all das war den MC´lern nicht genug. 15 Sportfreunde, unter ihnen Friedhelm Ferner, zerbrachen sich den Kopf, wie man ein Bergrennen in Heiligenstadt auf die Beine stellen könnte. Die Clubleitung beantragte beim damaligen Dachverband, dem Allgemeinen Deutschen Motorsportverband (ADMV), die Genehmigung. Als Schirmherr fungierte der Rat des Kreises. Doch musste die Rennleitung für jeden einzelnen Rennfahrer eine Unterkunft nachweisen. „Wir gingen damals quasi von Haus zu Haus“, erinnert sich Ferner. Wo heute mehrfach gesicherte Reifenstapel die Rennstrecke begrenzen, nahm man damals Strohballen. „Die schwatzten wir den LPG ab – mit der Maßgabe, sie danach wieder zurückzubringen, damit die Planerfüllung stimmt.“ NVA-Soldaten fungierten als Streckenposten und richteten den Streckenfunk ein. Das war 1976. Zu den Rennen auf dem Holzweg kamen nicht nur Serien- und seriennahe Tourenwagen wie Trabant, Wartburg oder Lada nach Heiligenstadt, sondern auch Formel-Easter Rennsportfahrzeuge, deren Besitzer über nationale und sogar internationale Lizenzen verfügten“, darunter auch die Rennsportlegenden Helmut Aßmann, Peter Melkus und Helga Heinrich, die „schnellste Frau der DDR“. Mehr als 14 000 Zuschauer säumten die Piste. Das Jahr drauf waren es über 20 000. Allerdings waren die Behörden nicht glücklich darüber, dass das Rennen so viele Fahrer und Zuschauer in einen grenznahen Kreis lockte, denn bis zu den Grenzbefestigungen waren es nur wenige Kilometer. Zumal für 1978 schon eine Zuschauerzahl von 50 000 prognostiziert wurde und man Grenzdurchbrüche befürchtete. So wurde das Rennen kurzer Hand verboten.

Nach der Wende, genau 20 Jahre später, begann eine neue Ära. Nachdem man sich 1991 dem ADAC anschloss, kam auch das Ibergrennen wieder aufs Tablett. Friedhelm Ferner rannte bei der Obersten Nationalen Sportbehörde (ONS – heute DMSB) und dem ADAC die Türen ein. Erst wurden die Heiligenstädter belächelt – heute nicht mehr. Genau 78 Tourenwagen bezogen 1997 das Fahrerlager am Busbahnhof. Ab dem neuen Jahrtausend gesellten sich die Rennsportfahrzeuge hinzu. Die Schaar der Clubfahrer wuchs,  wie zum Beispiel Markus Wüstefeld, der heute noch Bergrennen und auf der Rundstrecke fährt. Ab 2003 stellte der Club mit Friedhelm Ferners Sohn Kevin Ferner und Leander Birkl das jüngste Rennleitungsteam im deutschen Motorsport und Hermann Ludolph übernahm den Job des Organisationsleiters, der diesen Posten 15 Jahre ausfüllen sollte. In den Jahren 2004 und 2005 ging es nicht nur um die Deutsche Bergmeisterschaft, sondern um den Europäischen Bergpokal der FIA. Aus neun Ländern strömten Fahrer und Zuschauer ins Eichsfeld. 2006 befuhr Formel-1-Fahrer Timo Glock im Mitsubishi von Achim Kreim den Holzweg. „Wenn es mal mit der Formel 1 nicht mehr läuft, dann fahre ich Bergrennen“, soll er nach dem Rennwochenende gesagt haben. Mit Lars Bröker beispielsweise beheimatet der Club nicht nur einen talentierten Bergrennfahrer, sondern auch den amtieren deutschen Slalommeister in seinen Reihen.

Das Jahr 2018 wird für die Heiligenstädter sicherlich spannend werden, denn 60 Jahre MC Heilbad Heiligenstadt, 95 Jahre Motorsportgeschichte im Eichsfeld und das 23. Ibergrennen unter einer komplett neue Organisationsleitung gilt es zu stemmen. „Der Club hat in seiner sechs Jahrzehnte währenden Geschichte zahlreiche Höhen und Tiefen erlebt. Mir ist vor der Zukunft nicht bange“, sagt Hermann Ludolph, zumal inzwischen die Söhne in die Fußstapfen ihrer Väter getreten sind.

Über Thomas Bubel 275 Artikel
Thomas Bubel ist Jahrgang 1966, verheiratet und hat zwei Kinder. Er berichtet seit 20 Jahren in Wort und Bild über Bergrennen. Seit 1991 ist er Pressesprecher seines Heimatvereins Homburger Automomobilclub und des Homburger ADAC Bergrennens. Seit 11 Jahren betreibt der freie Journalist und Fotograf "Bergrennen in Deutschland", die Webseite für alle am Berg.